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Freud war fast 26 Jahre, Martha fast 21 Jahre alt, als sie einander vor mehr als 130 Jahren, im April 1882, durch Zufall begegneten. In dem bescheidenen1 Heim in der Wiener Leopoldstadt traf Cupidos Pfeil an jenem Abend auf den ersten Streich - zumindest was Freud betrifft. Man spürt, dass Martha das Gleiche widerfuhr, wenn auch zunächst in einer eher vorsichtigen und zurückgenommenen Intensität.
Um besser zu verstehen, wie das vor sich ging und warum es in dieser Weise geschah, sollte der Leser, wie ich meine, kurz an gewisse Facetten des gesellschaftlichen und kulturellen Umfeldes dieser »schicksalhaften« Begegnung erinnert werden. Dabei maße ich mir nicht an, mit den hier folgenden Zeilen etwas gänzlich Neues zu sagen.
Versuchen wir, uns die Leopoldstadt, den Zweiten Wiener Bezirk, in jenen Jahren vorzustellen. Sie war im katholischen Wien das im Wesentlichen jüdisch besiedelte »Quartier« - um nicht von einem Schtetl oder Ghetto zu sprechen2, an das dieser Bezirk durchaus erinnern konnte - der unteren Mittelschicht, in dem Juden schon seit dem Mittelalter ansässig waren. Die Wohnverhältnisse waren beengt, die Häuser vielfach schäbig, die Straßen eng, gesäumt von einer Vielzahl von Läden aller Art und voller Menschen, die hier vor längerer oder kürzerer Zeit zugewandert waren. Unter ihnen fielen vor allem die Ostjuden auf3, die in ihrer traditionellen Kleidung auf den Straßen zu Gang waren, schwatzten, kauften und verkauften