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Das Beispiel der Debatte in Frankreich um das Recht homosexueller Paare, eine Ehe einzugehen und Kinder mithilfe der Reproduktionsmedizin zu zeugen oder zu adoptieren, wird zum Anlass genommen, über das westliche Verständnis von Blutslinien und Familie zu reflektieren. Anthropologische Forschungen weisen immer wieder nach, dass ein Verständnis, das Verwandtschaft mit Blutsverwandtschaft gleichsetzt, ein Spezifikum westlichen Denkens ist. Dieser interkulturelle Vergleich wird durch eine kulturhistorische Dimension erweitert, laut der das Konzept der Blutsverwandtschaft selber ein essentialisierendes Produkt von Kulturtechniken wie Schrift und Geld ist. Zugleich wird nach den Folgen der aktuellen Veränderungen von Verwandtschaft für die psychoanalytische Lehre gefragt. An der Debatte in Frankreich beteiligten sich zahlreiche Psychoanalytiker, und sie vertraten unterschiedliche bis konträre Positionen: Die, die sich radikal gegen die Neuerung wandten, führten als Argumente oft psychoanalytische Lehrmeinungen an. Bei jenen, die sich für die Gesetzesnovelle aussprachen, kam es fast durchgängig zu einer Reflexion über die Methodik und das Instrumentarium der Psychoanalyse selbst. Die Psychoanalyse hat eine Geschichte, aber sie ist auch das Produkt von kulturhistorischen Entwicklungen - und diese Erkenntnis stellt sich heute, wo über Fragen wie Verwandtschaft und geschlechtliche Identität neu verhandelt wird, mit umso größerer Dringlichkeit.