You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Erinnern als Lebenszweck? »Ich schreibe, dass ich mich selbst schreibe. Was ist der große Motor, der mich aus diesem selbstgenügsamen Kreis der Ichheit heraushebt? Die Geschichte! - Ich bin also ein Buchstabe auf der Schreibmaschine der Geschichte« (S. 9). In Carl Schmitts Welt der Buribunken »sind alle Menschen angehalten, unermüdlich und ohne Unterlass Tagebuch zu führen« (S. 9). Mit dieser kuriosen Szenerie hat Carl Schmitt 1918 Funktionen des historischen Erinnerns satirisch hinterfragt. Ist es folgerichtig oder sind es eher unfreiwillige Selbstzweifel, den Band Das Unbehagen an der Erinnerung - Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust mit dieser Satire zu beginnen? Denn auch dieses Buch reiht sich ein in die Vielzahl von Publikationen zum kollektiven Erinnern von NS-Zeit und Holocaust. Zeigt sich darin eine absurde Überhöhung des Erinnerns als wiederkäuendes Nachdenken über das Erinnern und schließlich als sich unendlich fortsetzendes Nachdenken über das Nachdenken über das Erinnern? Wäre dann auch die dem Band vorangegangene Tagung, die das von Ulrike Jureit und Christian Schneider verfasste Buch Gefühlte Opfer (2010) zum Ausgangspunkt hatte, als »sinnloses Ritual mit einem diffusen Erlösungsversprechen« (im besprochenen Band, S. 9) zu verstehen - eine Paraphrase der Herausgeber von Schmitts Metapher?
Zunächst einige Beobachtungen, die diesen Verdacht entkräften. Der Band beleuchtet in 13 Aufsätzen das Gedenken des Holocaust aus interdisziplinärer Perspektive. Die Beiträge folgen dabei sehr unterschiedlichen Zugängen - und gerade dies erfreut als besondere Stärke des Buches. Es werden neben historischen, politologischen und psychoanalytischen Dimensionen auch religiöse, juristische und pädagogische Aspekte des Erinnerns diskutiert, es findet sich ein Aufsatz zu literarischen Formen der Erinnerung (hier Bernhard Schlinks Der Vorleser) ebenso wie zum kollektiven Erinnern aus europäischer Sicht in Bezug auf die Stockholmer »Holocaust-Konferenz«. Die so zusam