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Jenny Erpenbecks (2012) Roman Aller Tage Abend ist in mehrfacher Hinsicht ein außergewöhnliches Buch. Man kann es so verstehen, dass es aus der Perspektive verschiedener Personen die großen Tragödien des 20. Jahrhunderts erzählt, uns über mehrere Generationen hinweg in die Familiengeschichte der in der DDR bekannten Schriftstellerin und Großmutter der Autorin, Hedda Zinner, hineinführt. Und doch ist Jenny Erpenbecks Erzählung weit mehr als dies.
Sie ist zunächst einmal die Geschichte eines kaum begonnenen Lebens, das in einem plötzlichen Kindstod endet und viermal wieder neu aufgenommen wird. Ein Leben, das am Anfang des Jahrhunderts in der galizischen Kleinstadt Brody beginnt und im Berlin des wiedervereinigten Deutschland seinen Abschluss findet. Viermal unterbrochen und viermal wieder aufgenommen - so als sei jeder Anfang dazu bestimmt, erneut in einem tragischen, meist gewaltsamen Tod zu enden: Hätten die Eltern gewusst, dass man das plötzliche Sterben eines Kindes mit einer Handvoll Schnee vertreiben kann, dann wäre die Familie nicht auseinandergebrochen und die Tochter wäre mit ihren Eltern gegen Ende des Ersten Weltkriegs nach Wien gezogen. Hätte sie im dortigen Elend nicht eine zugefrorene Pfütze in die falsche Richtung überquert, dann wäre sie nicht jenem unglücklichen Liebhaber begegnet, der ihrem Leben in einem gemeinsamen Suizid ein Ende setzte. Stattdessen hätte sie sich revolutionären Kreisen angeschlossen, wäre in die Sowjetunion ausgewandert, um dort in einem stalinistischen Arbeitslager zu verhungern und zu erfrieren. Wäre ihre Akte jedoch bei der Geheimpolizei nicht auf dem falschen Stapel gelandet, dann wäre sie nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt und zu einer gefeierten Autorin der proletarischen Revolution geworden. Und wäre sie schließlich in den 1950er Jahren nicht durch einen Treppensturz