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Unbearbeitete Schuldgefühle haben lange Zeit eine Auseinandersetzung mit Freuds Mann Moses und die Annäherung an die darin verhandelte jüdische Tradition in Deutschland verhindert. Der vorliegende Aufsatz geht einem Verweis auf diese Tradition nach: Freud erwähnt im Mann Moses Jochanan ben Sakkai, der nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 u.Z. die Erlaubnis für die Gründung einer Thoraschule in Jabne erhielt und damit die Grundlage für das rabbinisch-talmudische Judentum als einer Text- und Überlieferungsgemeinschaft geschaffen hat, die ohne Staat, Kirche und dogmatische Festlegungen funktioniert. Der Autor bringt diesen Verweis mit der Formulierung Freuds in der Traumdeutung in Verbindung, man solle den Traum wie einen »heiligen Text« lesen, und zeigt, ausgehend von den Arbeiten Yigal Blumenbergs, systematische Strukturähnlichkeiten zwischen talmudischer Textauslegung und psychoanalytischer Methode auf. Schließlich geht der Aufsatz der Vermutung nach, dass Jochanan ben Sakkai eine vielleicht noch wichtigere Identifikationsfigur für Freud war als Moses selbst. Er findet in seiner Gründungstat ein Vorbild für die Situation der Psychoanalyse angesichts von Vertreibung und nationalsozialistischer Vernichtungspolitik.