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Im Jahr 2009 wurden nach der 70-Jahres-Frist die Rechte an Freuds Werken frei. Diese Situation ermöglicht neue editorische Optionen. Eine von ihnen stellt sich mit diesem Band vor. Sie präsentiert ausgewählte Werke Sigmund Freuds gemeinsam mit einem ausführlichen Kommentar. Die Reihe ist ausdrücklich als wienerisch, universitär und interdisziplinär konzipiert. Ihre Kommentare haben das Ziel, Freuds Werke nach ihrer aktuellen Bedeutung darzustellen und kritisch zu kommentieren, dabei eine interdisziplinäre Perspektive einzunehmen und sie schließlich in ihrem historischen Wiener Kontext zu verorten. Da die Werke Freuds in verschiedenen zuverlässigen Ausgaben zugänglich sind, hängt die Bedeutung dieser neuen Edition ganz an ihrer Präsentation, an den Kommentaren und an der Frage, ob damit interessierte Lesergruppen erreicht werden können. Aus meiner Sicht bietet dieser erste Band einen vielversprechenden Auftakt. Optisch bekommt er sein Profil durch ein übermaltes Freud-Porträt aus der Hand Arnulf Rainers. Im künstlerischen Gestus verbindet er ebenfalls den historischen Freud mit einer zeitgenössischen Deutung.
Herausgeber ist der holländische Religionswissenschaftler und Theologe Herman Westerink, der an der Wiener Universität tätig ist. Freuds Text ist nach der Ausgabe der Gesammelten Schriften von 1924 wiedergegeben. Das erscheint plausibel, da diese Ausgabe zuverlässig ist und es nicht, wie bei anderen wichtigen Arbeiten Freuds, eine Textgeschichte mit Überarbeitungen gibt. Westerinks Kommentar nimmt tatsächlich eine wohltuend interdisziplinäre Perspektive ein. Dadurch vermeidet er manche inneranalytische Nabelschau und weist zu Recht die Tendenz zurück, Freuds Interesse an Religion letztendlich autobiographisch und selbstanalytisch zu begründen. Vielmehr kontextualisiert er Totem und Tabu in den Debatten zur psychoanalytischen Theorie, seinerzeit insbesondere mit C.G. Jung, und im Ansatz einer angewandten Psychoanalyse im Feld der Religionswissenschaft. Hier trifft