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»Hat Sexualität etwas mit Psychoanalyse zu tun?« So fragte vor knapp zwanzig Jahren André Green (dt. 1998) in einem Vortrag am Anna Freud Center zu Ehren von Sigmund Freuds Geburtstag im Gewahrwerden der zunehmend randständigen Bedeutung der Sexualität in theoretischen Konzeptualisierungen und klinischen Darstellungen provozierend. Greens subjektive Wahrnehmung bezog sich sowohl auf die Ersetzung der triebdynamischen Pole Lust/Unlust durch die Objektbeziehungspole Böse Brust/Gute Brust wie auf den Bedeutungszuwachs von Säuglingsforschung und Selbstentwicklungstheorien. Peter Fonagy, relativ unverdächtig, die Bedeutung des Sexualtriebs in seiner Theorie der Mentalisierung überzubetonen, stellt in seinem bemerkenswerten Aufsatz zur Entwicklung des sexuellen Lustempfindens (2011) auszugsweise die statistischen Ergebnisse des PEP (psychoanalytic electronic publishing) dar, die belegen, dass der Gebrauch von in Fachartikeln veröffentlichten Begriffen im erweiterten Kontext der Sexualtheorien zugunsten von beziehungstheoretischen Begriffen wie etwa Bindung, Einstimmung, Objektbeziehung etc. in den letzten achtzig Jahren erheblich reduziert wurde. Noch stärker ist der proportionale Zusammenhang zwischen der Abnahme von Sexualitätsbegriffen und der deutlichen Zunahme von Begriffen im Bereich der Übertragungs-Gegenübertragungs-Gefühle. Fonagy plädiert dafür, die aus der modernen intersubjektiven Perspektive herrührenden Widerstände der Psychotherapeuten zu bearbeiten und das Sexuelle wieder zum Hauptinteresse der Psychoanalyse zu machen. Auch Anne Alvarez (2011) konstatiert, dass libidinöse oder erotische Übertragungs-Gegenübertragungs-Dynamiken im Vergleich zu negativen Gefühlen ausgesprochen selten thematisiert würden, was möglicherweise damit zusammenhänge, dass der Analytiker kein Konzept postödipaler reifer erotischer Beziehungen habe und schon das Flirten in der analytischen Beziehung als verführerisch anstößiges, ödipales Agieren betrachte.