You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Martin Dornes hat in der Psyche einen für diese Zeitschrift ungewöhnlich langen Text vorgelegt, in dem er der Frage nachgeht, ob die Lebensbedingungen in unserer aktuellen Gesellschaft krank machen oder ob sie genau umgekehrt eher zu höherer Lebensqualität geführt haben. Er möchte die Antwort auf der Grundlage wissenschaftlich nachgewiesener Fakten geben. Dazu hat er eine große Zahl einschlägiger Untersuchungen zusammengetragen, 150 Quellenangaben in der Literaturliste sollen die Gründlichkeit seiner Recherche beweisen. Er hat vor allem empirische Untersuchungen und Metaanalysen ausgewertet.
Dornes ist bekannt geworden durch seine grundlegenden Beiträge zur psychoanalytischen Entwicklungspsychologie und zu Eltern-Kind-Beziehungen. Er ist studierter Soziologie und arbeitete von 2002 bis 2014 mit im Leitungsgremium des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Seine mehrfache Identität als Soziologe und Gruppenanalytiker versprach eine spannende Lektüre.
Dornes hält den Zuwachs an Lebensqualität und Lebenszufriedenheit für bewiesen, und er findet diese Tendenz plausibel. Kritische Stimmen, die unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem für ungerecht und tendenziell menschenfeindlich erklären, hält er für empirisch widerlegt. Weder von diesem Autor noch in dieser Zeitschrift hätte ich eine derart unverhohlen konservative Positionsbestimmung erwartet, die kollektive Verdrängungsmechanismen aufgreift, verstärkt und ideologisch verbrämt. Die Vehemenz, mit der Dornes andersmeinende Kollegen entwertet, habe ich nicht verstanden. Mich selbst hat die von Dornes vorgetragene radikale Infragestellung meines wissenschaftlichen und therapeutischen Wertesystems zunächst verunsichert und dann zunehmend wütend gemacht.
Schon während meines Studiums Anfang der siebziger Jahre hat mich das Wechselverhältnis von Gesellschaft und psychischer Konstitution des Individuums beschäftigt. Im Institut für Arbeitspsychologie der Universität Hamburg haben wir semesterlang aus historisch-materialis