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Bei Forschungen zur Geschichte der Psychoanalyse ist man zuweilen an eine Abenteuerreise oder an eine Schatzsuche erinnert. Manchmal findet man Unerwartetes oder endlich etwas Langgesuchtes, ein anderes Mal besitzt man etwas bereits und weiß es nicht. Judith Kessler ist Letzteres passiert. Sie beschreibt in dem von ihr mitherausgegebenen Buch die über Jahre sich hinziehende Entdeckung des Koffers ihrer Mutter, der in ihrer Wohnung stand. Darin befand sich ein schwarzes Heft, das sie zweimal im Laufe von vielen Jahren in die Hand nahm und wieder weglegte. Schließlich führte eine Reihe von Zufällen sie zurück zu dem Manuskript der Gedichte und Texte, die die Ärztin und Psychoanalytikerin Edith Jacobson (1897-1978) im Jahr 1935 im Moabiter Untersuchungsgefängnis der Gestapo geschrieben hatte und die auf bisher nicht zu rekonstruierenden Wegen zu ihrer Mutter gelangt waren. Judith Kessler erbte den Koffer, konnte aber ihre Mutter nicht mehr nach dessen Inhalt befragen.
Kessler ist Sozialwissenschaftlerin und Autorin von Büchern über jüdische Gegenwartskultur, ihr Mitherausgeber Roland Kaufhold ist Diplompädagoge und schrieb u.a. Artikel über Ernst Federn und gab Bücher über Bruno Bettelheim heraus. Ulrike May und Elke Mühlleitner legten 2005 eine Aufsatzsammlung über Edith Jacobson vor, in der einige der Gedichte, die Kessler und Kaufhold veröffentlichten, bereits enthalten sind. Auch die »Haftnotiz«, eine zweiseitige Selbstbeobachtung aus den ersten Tagen in Gefangenschaft, zwei Blätter über »Einige Betrachtungen über physische und psychische Hafteinwirkung« und der neunseitige Text »Zur Technik der Analyse Paranoider«, alles Bestandteil des im Koffer gefundenen schwarzen Heftes, sind in späteren Texten Jacobsons verarbeitet worden und insofern keine wirklichen Neuentdeckungen (was beide Herausgeber auch an keiner Stelle proklamieren). Die »Haftnotizen« und die »Betrachtungen« gingen ein in Jacobsons Aufsatz »Psychologische Auswirkungen des Gefängnisaufenthaltes auf wei