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Lorenz Böllinger hat einen komplexen und bemerkenswerten Text zu den neuen Formen sexueller Identitäten geschrieben. Anders als in vielen anderen Veröffentlichungen spannt er einen weiten Rahmen um das Thema, indem er gesellschaftstheoretische, soziologische und juristische Reflexionen einbezieht. Er deutet ein kritisches Abwägen zu der Entwicklung neuer Sexualitäten an, wenn er einerseits die »Aufweichung polarer Geschlechtsrollen als Autonomiezuwachs und Freiheitsgewinn« versteht, andererseits aber auch diese Phänomene als Aspekte des »globalen neo-liberalen Wandels hin zu Profitmaximierung und Selbstausbeutung« anspricht (S. 608). Die »neosexuelle Revolution« (Sigusch) schafft »zwar neue Freiräume für Verhalten«. Aber es entstehen auch neue
»Widersprüche und Zwänge. Die Deutung liegt […] nahe: Je brutaler der Turbo- und Casino-Kapitalismus ökonomische Sicherheit und soziale Gerechtigkeit beseitigt, also Unfreiheiten produziert, desto größer geraten sexuelle und gender-bezogene Freiräume« (S. 612). »Unter der vermeintlichen Freiheit der Individualisierung entstehen […] überfordernde Definitionen, normative Konstrukte, Zwänge zur Selbstkonstitution« (S. 612).
Böllinger sieht insbesondere zunehmend problematische Prozesse der »Aggressivierung von Sexualität«, die er auch im weiteren Verlauf seines Textes mit destruktiven Formen abweichender Sexualität in Verbindung bringt. Ich würde hinzufügen, dass die Prozesse, Aggression ausreichend zu sozialisieren, angesichts sich auflösender Strukturen und Bindungen durchaus auch umfassender problematisiert werden sollten.
Nach diesem Auftakt wendet sich Böllinger im zweiten Teil seines Textes der Psychoanalyse und ihrer Haltung zu den neuen Sexualitäten zu. Er sieht in der Psychoanalyse eine nach wie vor normierende Einstellung vertreten, ein Festhalten an dem seiner Meinung nach überkommenen heterosexuellen Rahmen. »Der empirischen Vielfalt von sexuellen Praktiken wird durch typisierende Etikettierungen der falsche Anschein von