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Der öffentliche Diskurs zum Verständnis von Gesundheit und Krankheit und damit von medizinischer wie psychotherapeutischer Arbeit wird aktuell bestimmt von Forderungen nach evidenzbasierten Behandlungsmethoden, nach Leitlinien für Behandlungsformen, quantifizierbarer Erfolgskontrolle und Qualitätsmanagement. Von der Entschlüsselung genetischer Wirkungsweisen sowie der zunehmend detailreicheren, mit komplexen Rechenverfahren verbundenen
bildgebenden Diagnostik erhoffen sich Wissenschaftler den Schlüssel zum exakten Verständnis menschlicher Lebensformen, individueller Eigenschaften, Krankheiten etc., mit dem sich optimierte und erfolgskontrollierte Behandlungsmethoden herleiten lassen.
Demgegenüber stand für Kurt Goldstein, einem Pionier der psychosomatischen Medizin, fest, dass die Forderung nach Exaktheit der Bestimmungen nur »für erdachte, durch aktiv eingreifende Gewalt umgeformte Lebensvorgänge« (S. 306) gelte. Hiermit sind durch Diagnostik und Forschung erzwungene Eingriffe gemeint. Die hieraus resultierenden empirischen Erkenntnisse seien wichtiges Material. Von ihnen aus sei aber nicht der Organismus als Ganzer im Zusammenspiel mit seiner Umwelt, das »Wesen des Lebendigen« zu erfassen. Daher führten sie zu einer mangelhaften Theoriebildung.
Goldstein setzte sich als Neurologe und Psychiater früh mit der Aphasielehre Wernickes auseinander und widmete sich im Ersten Weltkrieg leidenschaftlich der Rehabilitation hirnverletzter Soldaten. Er arbeitete (u.a.) eng mit dem Gestaltpsychologen Adhémar Gelb und mit Ernst Cassirer zusammen. 1933 flüchtete er nach Amsterdam und schrieb dort als Resümee seiner bisherigen Arbeiten das Buch Der Aufbau des Organismus, das ein Jahr später in Den Haag in deutscher Sprache erschien. Anschließend führte er seine Arbeiten in den USA fort.
Jetzt ist Der Aufbau des Organismus neu veröffentlicht worden. Der deutschen Ausgabe steht ein Vorwort von Bernd Waldenfels, der englischen Ausgabe eines von Oliver Sacks voran. Sie sehen in Golds