You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
»Das Buch Exodus enthält die wahrscheinlich grandioseste und folgenreichste Geschichte, die sich Menschen jemals erzählt haben.« So beginnt Jan Assmann seine Studie über den biblischen Text, der vom Auszug aus Ägypten berichtet (Assmann 2015). Er ist grandios, weil Moses die Kinder Israel durch die Wüste zu ihrem Gott führt; und er ist folgenreich, weil dieser Gott - der Gott des Monotheismus - am Berge Sinai zum ersten Mal vor ein ganzes Volk tritt: Diesem Volk gibt er seine Gebote und leitet damit die Zeitenwende ein, in deren Bannkreis wir auch heute noch stehen.
Eindrucksvoll lässt Assmann uns die schier endlose Wirkungsmacht des Textes sehen. Er ist nicht nur zum Gründungsmythos aller monotheistischen Religionen geworden, er verliert auch Jahrtausende später, als das christliche Abendland längst in eine säkulare Phase eingetreten ist, seine Ausstrahlungskraft nicht. Die Puritaner, die die Vereinigten Staaten gründeten, verstanden sich als ein neues Israel; die Schwarzen stellten ihren Kampf gegen die amerikanische Sklaverei unter Moses‘ Worte »Let my People Go«; alle europäischen Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts wurden von ihm grundiert. In der deutschen Literatur finden sich seine Spuren von Goethe bis zu Thomas Mann, und Assmann geht ihnen auch in der Musik nach, widmet Händels Oratorium Israel in Egypt und Schönbergs Oper Moses und Aron einige sehr schöne Exkurse.
Das Thema beschäftigt ihn schon lange. In seinem Buch Moses der Ägypter (1998) hatte er von der »mosaischen Unterscheidung« gesprochen, die den »wahren« Gott des Monotheismus von den »falschen« Göttern der Heiden getrennt und damit eine bislang unbekannte Gewaltsamkeit in die Geschichte der Religionen getragen hätte. Damit wollte Assmann, von seiner Ausbildung her Ägyptologe, das in der Bibel verunglimpfte Ägypten rehabilitieren und daran erinnern, dass es Religionskriege vor dem biblischen Monotheismus nicht gegeben hat. Jetzt nimmt er diese Fragen noch einmal auf, aber nicht als Ägyptologe,