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»Verlassenheitsneurose« ist ein von der Schweizer Psychoanalytikerin Germaine Guex 1950 eingeführter Begriff, der ein von der klassischen Neurose abweichendes klinisches Bild beschreibt. Später schlug Guex den Ausdruck »Verlassenheitssyndrom«1 dafür vor (Laplanche & Pontalis 1972, S. 594 f.). Es ist eine psychische Störung ohne eindeutige Symptomatik, aber mit einer vorherrschenden Angst vor Verlassenheit und der Suche nach affektiver Sicherheit. Schwäche und fehlendes Selbstwertgefühl verhindern eine aktive Lebensgestaltung und äußern sich in einem unersättlichen Liebesbedürfnis. Immer ist es die Trias von Angst, Aggression und Regression, die eine Anpassung an die Realität und haltbare Beziehungen boykottiert. Guex fiel weiters auf, dass sich die Pathologie solcher Fälle in klassischen Analysen nicht wesentlich besserte.
Gemeinsam mit Charles Odier erforschte Guex die Verlassenheitsneurose als eine spezifische Störung, deren Ursache primär vor dem ödipalen Entwicklungsstadium liegt und deren Probleme gerade dadurch schwer erkennbar scheinen, dass der Ödipuskomplex nicht wirklich erreicht und schon gar nicht bewältigt wurde. Stattdessen inszenieren solche Patienten gleichsam durch selbst provozierte Regressionen und Re-Enactments eine unaufhörliche Suche nach mütterlicher Nähe oder nach einem väterlichen Bild mit mütterlichen Zügen. Wenn eine ödipale Tendenz erkennbar ist, droht sie auf die präödipale Stufe zurückzufallen und eine symbiotische Verschmelzung anzustreben, was auch das häufige Fehlen eines Überichs erklärt.
Das Buch ist in vier Kapitel - klinische Beschreibung, Strukturen, Ätiologie und Therapie - gegliedert. Praktische behandlungstechnische Hinweise durchziehen das gesamte Werk. So weist Guex zum Beispiel auf die heftigen Reaktionen der »abandonics« nach dem Erstgespräch hin, auf das Schwanken zwischen ängstlicher Unsicherheit und neuer Hoffnung auf Bedürfnisbefriedigung, auf die begrenzte Aktivität und die dominierende Passivität, auf die Schwierigkei