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Es gibt schier zahllose Rezeptionen von Freuds Werk, in der Psychiatrie, in der Psychologie, in der Literaturwissenschaft, in der Philosophie, in der Kunst, in der Pädagogik. Es gibt sie überall auf der Welt und zu den verschiedenen Zeitpunkten der Wissenschaftsgeschichte mit je unterschiedlichen Schwerpunkten. Manchmal sind sie kritisch, manchmal affirmativ, einmal kommen sie von außen, ein anderes Mal von innen, d. h. von den Fachkollegen. Der Historiker Anthony Kauders hat mit seinem Buch über den »Freud-Komplex« eine Art Meta-Studie vorgelegt, eine Rezeptionsgeschichte der Freud-Rezeptionen. Er hat sie auf Deutschland beschränkt und sich vorgenommen, damit »die Leit- und Menschenbilder, die Ideale und Utopien, die Ängste und Hoffnungen einer Gesellschaft zu erforschen« (S. 11). Um seinen Befund vorwegzunehmen: Kauders fand in der Geschichte der deutschen Freud-Rezeption einen »deutschen Sonderweg«, der mit der »Rolle der Romantik im deutschen Denken über die Psyche« (S. 16) in Zusammenhang steht. Im Laufe der Jahrzehnte kann anhand der öffentlichen Einstellungen zur Psychoanalyse ein »Widerstreit zwischen bürgerlichen und romantischen Vorstellungen von der Psyche« (S. 282) aufgezeigt werden, in dem es entweder darum ging, das bürgerliche Ich zu konsolidieren oder dessen Grenzen zu überwinden.
Um sich nicht im Labyrinth der Definitionen dessen, was Psychoanalyse eigentlich ist, zu verirren, findet Kauders eingangs eine elegante Lösung: Er ordnet die Psychoanalyse nach Ludwik Fleck den Denkstilen und Denkkollektiven zu, die sich nicht an wissenschaftlichen Fachrichtungen, religiösen oder weltanschaulichen Zugehörigkeiten orientieren, sondern daran, dass in einer Gruppe eine gemeinsame Sprache gesprochen wird, dass bestimmte Probleme vom Kollektiv als wichtig, andere als unwichtig empfunden werden und dass innerhalb der Gruppe die gleichen Fragen gestellt werden. Dass er sich dann doch in den Zuschreibungen verheddert, werden wir sehen, wenn es um die Zeit nach dem