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»What is a classic?« Auf diese berühmte Frage T. S. Eliots fand der südafrikanische Nobelpreisträger John M. Coetzee folgende Antwort: »The classic defines itself by surviving«. Freud ist zweifellos ein Klassiker des 20. Jahrhunderts geworden; interessant ist nun die Frage, auf welche Weise er im neuen Jahrtausend überleben wird. Ulrike May trägt mit ihrem Buch auf sehr eigenständige Weise zu diesem Überleben bei. Sie entwickelt ein Bild von Freud, das ihm in seiner historischen Einmaligkeit gerecht zu werden versucht. Ihr Titel Freud bei der Arbeit nimmt Johannes Cremerius' Formulierung auf, mit der er 1981 Aufsehen erregt hatte: Freud bei der Arbeit über die Schulter geschaut. Nach einer langen Phase der Kanonisierung und Idealisierung von Freuds Theorie und Behandlungstechnik hatten Cremerius und andere Autoren begonnen zu untersuchen, wie Freud »wirklich« gearbeitet hat. Das hatte eine wichtige ideologiekritische Auswirkung, führte aber zu einer Lesart, der zufolge Freud Regeln aufgestellt hatte, an die er sich selbst nicht hielt, und die deshalb zu hinterfragen wären. Demgegenüber setzt May in ihren Untersuchungen neu an. Sie schaut Freud nicht mehr über die Schulter, sondern sie versucht mit großer Sorgfalt zu rekonstruieren, wie er gedacht und gearbeitet hat, und das im Kontext seiner Zeit. Auf diesem Weg kommt sie zu Ergebnissen, die den Leser staunen lassen und die einen hohen Neuigkeitswert haben.
Das Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten geht es um Entwicklungen und Veränderungen in Freuds Theorie. Die Überschrift »Freud und seine Schüler« zeigt an, wie die Autorin Freud nicht als einen einsamen Giganten am Schreibtisch vorstellt, sondern als einen Wissenschaftler und Kommunikator, der im engen Austausch mit seinen Schülern steht. Sie beschreibt Netzwerke und gegenseitige Beeinflussungen, und es werden zentrale Unterschiede in der Arbeitsweise zwischen Freud und manchen Schülern deutlich. Inhaltlich geht es um die Anfänge des Narzissmus, um die »böse Mut