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Gern - und mit gutem Grund - rekurriert die Geschichtsschreibung der Psychoanalyse auf einen Ur- und Gründervater, der wesentliche Intuitionen seiner Theorie aus der Literatur bezog. Sigmund Freud hat nicht nur selbst Erstaunen darüber geäußert, dass sich seine klinischen Fallgeschichten eher wie Novellen läsen, sondern sich eben auch in seiner ärztlichen Profession als »Kulturweltbürger« verstanden, der Goethe und Shakespeare zu seinen Hausgöttern erkoren hatte. Diese literarische Inklination galt auch für das Gros seiner direkten Schüler. Mit ihr hängt Freuds dezidierte Abneigung gegen eine medicozentrische Subsumtion der Psychoanalyse zusammen, die sie, wie er sagte, zu einer »Dienstmagd der Psychiatrie« erniedrigen würde.
Welche Bedeutung die Verbindung literarischer und psychoanalytischer Recherche bis heute hat, zeigt exemplarisch Jean Bergerets Werk über den »ewigen Ödipus«. 1984 erstmals erschienen, hat es in Frankreich mehrere Auflagen erlebt und in ungebrochener Aktualität die Phase überdauert, in der hierzulande die kulturtheoretische Bedeutung der Psychoanalyse einem weitgehenden Erinnerungsverlust in ihren eigenen Reihen unterlag. Dass Der ewige Ödipus 2016, im Todesjahr des Autors, erstmals in Deutschland erscheint, zeigt etwas vom Unterschied der beiden psychoanalytischen Kulturen.