You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Im Anschluss an die Ödipusinterpretation von René Girard versteht der Autor den »König Ödipus« als ein System, durch das jemand zum Sündenbock ernannt wird. Das Drama zu verstehen, heißt vor allem, den Mechanismus dieses Systems zu analysieren. Auf der einen Seite finden sich Teiresias und Kreon, die ihre eigenen Interessen verfolgen; aber auch Ödipus selbst, dessen unbewusstes Wissen um seine Taten sich in Form eines Selbstbestrafungsbedürfnisses auswirkt, das zur tragischen Dynamik des Stücks entscheidend beiträgt. Auf der anderen Seite stehen die Figuren, die sich dem Mechanismus zumindest partiell verweigern: der Chor, vor allem aber Jokaste, deren Interessen um das inzestuöse Begehren der Mutter zentriert sind. »König Ödipus« endet in einem Geflecht von Ambivalenzen: ob der gesellschaftliche Zusammenhang durch das Opfer des Ödipus gestärkt würde; ob er auf die Weise gestärkt wird, durch die sich Ödipus selbst zum Opfer ernennt und verklärt; ob er als Verfemter oder als Weisheitsgestalt die Stadt verlässt (oder in ihr bleibt); ob also der Sündenbockmechanismus überhaupt funktioniert: all das wird am Ende als Problem formuliert, dessen Lösung den Zuschauern aufgegeben wird.