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In der Psychoanalyse spricht man vom Untergang des Ödipuskomplexes, wenn das Subjekt aus ihm heraustritt; als universelle Erfahrung aller Sprechwesen markiert er aber auch eine logische Struktur am Übergang einer Kategorie des Gleichen oder Ähnlichen zu einer der Differenz. Vom Ödipuskomplex spricht man schließlich im Kontext einer Familiengeschichte, wie sie beim Sohn des Laios konkret fassbar wird. Diese unterschiedlichen Begriffsbedeutungen markieren den Kreuzungspunkt des 10. Symposium zur strukturalen Psychoanalyse Jacques Lacans in der Frankfurter Goethe-Universität mit dem Titel »Der Fall des Ödipus«. In drei Dialogen diskutieren die Psychoanalytiker Hermann Lang (Würzburg), August Ruhs (Wien), Edith Seifert (Berlin) und Rolf-Peter Warsitz (Kassel) unter der Leitung von Bernd Federlein (Frankfurt/M.) über die Frage, inwieweit der Ödipuskomplex noch Dreh- und Angelpunkt der Psychoanalyse ist oder ob sich eine »grundstürzende Neuorientierung« abzeichnet. Eingedenk der zentralen Bedeutung des Ödipus-Konzepts für das Denken Freuds und Lacans darf das Publikum auf ein psychoanalytisches Selbstfindungsstück ersten Rangs gespannt sein.
Zunächst aber die Theorie zum Fall: Ganz selbstverständlich verwenden wir im Deutschen den Ausdruck Ödipuskonflikt und denken dabei meist an den nicht mehr zeitgemäßen Anspruch eines Menschen auf Befriedigung durch ein Elternteil. Tatsächlich gehört diese universelle Wunschregung zu den großen Entdeckungen Freuds, die er ab 1910 im Rückgriff auf den antiken Ödipus-Mythos konzeptualisierte. Freud sah es als erwiesen an, dass jedes Individuum den Ödipuskomplex durchläuft und dass insoweit jede psychopathologische Struktur auf einen Defekt im Ödipuskomplex zurückzuführen ist, weshalb er als »Kernkomplex der Neurosen« tituliert wird (Evans 2017, S. 188). Ungeachtet der im psychoanalytischen Denken unverändert gebrauchten Zuordnungen Neurose, Psychose und Perversion gehen medizinische Klassifikationssysteme wie die ICD 10 mittlerweile von e