You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Hungern, um zu leben - dieser Titel vermittelt eindrücklich die Schwere der anorektischen Erkrankung und das Ringen der Betroffenen nach Veränderung und Entwicklung. Der Titel weist aber auch auf das tiefe Verständnis und den lebendigen Zugang hin, mit dem die Autoren, der Psychoanalytiker, Paar-,
Familien-, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Günter Reich und die Psychoanalytikerin und Paar- und Familientherapeutin Antje von Boet ticher, der Herausforderung der Behandlung der anorektischen Erkrankung begegnen. Einleitend wird vor dem Hintergrund der langjährigen Erfahrungen der Autoren in der Ambulanz für Familientherapie und Essstörungen der Universitätsmedizin Göttingen auf die Komplexität dieser lebensbedrohlichen Störung hingewiesen und eine einseitige Fokussierung auf psychodynamische Zusammenhänge als Erklärung relativiert. Biologische Aspekte und die Eigendynamik der Erkrankung werden als Faktoren benannt, die die Anorexie, jenseits ihrer psychischen Bedingtheit, als komplexes und mitunter schwer zu beeinflussendes Geschehen verorten. Gerade diese Haltung der Autoren, nicht den Anspruch zu verfolgen, ein kausales Konzept der Anorexie vorzulegen, entlastet und macht Mut für deren Behandlung, ein Anliegen, was Reich und von Boetticher mit diesem Buch u.a. verfolgen. Dem Leser wird ein breiter Zugang der sozialen, kulturellen, entwicklungspsychologischen und familialen Bedingungszusammenhängen ermöglicht und es werden Wege in Einzel-, Familien- und Paartherapie aufgezeigt, die häufig vorkommende, aber trotz ihrer Auffälligkeit »unterdiagnostizierte« Erkrankung erfolgreich zu behandeln.
Bevor psychodynamische und interpersonelle Aspekte dargestellt werden, wird zunächst der soziale Kontext des Essens als »elementarster Beziehungsbereich, in dem Kommunikation stattfindet«, konturiert. Die dem Essen immanenten sozialen Normierungsprozesse, über die auch die ökonomischen Zugehörigkeiten und das Bildungsniveau vermittelt werden, spielen demnach bei Essstörungen