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Es ist eine tägliche Erfahrung in der psychoanalytischen Praxis, dass Analytiker Normen unterliegen, Normen, die aus persönlichen Überzeugungen, aber auch aus psychoanalytischen Theorien stammen. Zugleich passiert es immer öfter, dass insbesondere Patientinnen auf solche Normen hinweisen, sie nehmen sie in den Deutungen wahr und setzen sich - zu Recht - dagegen zur Wehr. Denn allzu oft handelt es sich dabei, nach einem Wortspiel von Lacan, um eine »malnorme«, eine »schlechte Norm«, bzw. »une norme mâle«, eine »männliche Norm«, mit der sie zu tun haben und die ihnen im Extremfalle übergestülpt wird.
In ihrem neuen Buch mit dem sprechenden Titel »Gegen die Normativität in der Psychoanalyse« nimmt sich die deutsch-französisch-belgische Psychoanalytikerin Susann Heenen-Wolff all der Fragen an, die mit Normen, Normalität und eben Normativität in der Psychoanalyse zu tun haben. Damit bearbeitet sie ein Thema, das trotz seiner hohen Bedeutung sowohl für die Praxis wie auch für die Theorie der Psychoanalyse bisher eher stiefmütterlich behandelt wurde. Heenen-Wolff ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und hat hier auch zunächst als Journalistin gearbeitet, bevor sie für eine psychoanalytische Ausbildung in den 1980er Jahren nach Paris ging, um schließlich in den 90er Jahren nach Belgien, genauer nach Brüssel umzusiedeln. Dort arbeitet sie heute als Psychoanalytikerin in privater Praxis und zugleich als Professorin an der Université de Louvain (Leuwen). Sie ist also mit mehreren Sprachen, Berufen sowie (psychoanalytischen) Kulturkreisen vertraut, und diese Erfahrung schlägt sich auch in ihrem Buch nieder: es schöpft aus verschiedenen psychoanalytischen Sprachräumen, verarbeitet Einflüsse mehrerer Schulen und ist zudem außergewöhnlich verständlich geschrieben. Doch zuvörderst ist es eine Arbeit mit und manchmal auch gegen Freud; er ist der alles überragende Dreh- und Angelpunkt der Aufsatzsammlung: Hier macht sich besonders die französische Sozialisation der Autorin beme