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Der vorliegende Sammelband, herausgegeben von einem angloamerikanischen Tandem, einer Psychoanalytikerin aus der Tavistock-Klinik in London (Lemma) und einem Psychoanalytiker der Boston Psychoanalytic Society (Lynch), liefert einen pointierten Überblick zu Fragen des Geschlechtlichen und Sexuellen. Im Vergleich mit dem 2015 von Abrevaya und Thomson-Salo herausgegebenen Band Homosexualities stellte Tjark Kunstreich (2017) fest, dass es in Sexualities um Aspekte der Normalisierung von Homosexualität gehe, während sich Homosexualities mit Aspekten der Pathologie (mit der Homosexualität als Abwehr) auseinandersetze. Das Erscheinen der deutschen Übersetzung von Sexualities unter dem Titel Psychoanalyse der Sexualitäten - Sexualitäten der Psychoanalyse 2018 gibt Anlass für eine Neubewertung.
Einleitend kritisiert Dagmar Herzog Einstellungen der Psychoanalytiker zum Thema der »Love-Doktrin« (der Ansicht, dass es bei »gesunder« Entwicklung zu einer »Verlötung« von Begehren und liebevoller Abhängigkeit kommt) und zur Homosexualität. Obwohl Freud selbst schon 1912 deutlich machte, dass eine solche »Verlötung« so gut wie nie vollständig ist und in dem berühmten Brief an die Mutter eines Homosexuellen versicherte, dass es keinerlei verallgemeinerbare »charakterliche« Unterschiede zwischen Homound Heterosexuellen gebe und er an der psychoanalytischen Beeinflussbarkeit sexueller Orientierung zweifle. Herzog äußert den Verdacht, dass die nach Amerika emigrierten Psychoanalytiker, die dort beim psychiatrischen Establishment große Anerkennung fanden, unter dem dadurch entstandenen Anpassungsdruck ihre Doktrin den herrschenden Moralvorstellungen implizit »anglichen«. So setzten sie sich auch gegen Alfred Kinsey und seine Aufsehen erregenden statistischen Erhebungen ab und erklärten, dass für sie »reines Verhalten« wenig relevant sei, ihnen gehe es um »Psychosexualität« und die »reife sexuelle Liebesbeziehung«. Bis in die 1990er Jahre habe es, meint Herzog, eine »psychoanalytische Homo