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Briefe erhalten seit der europäischen Antike eine immer stärkere persönlich-emotionale Tönung - man denke an Senecas d. J. stoische »Epistulae morales« oder Ovids Exilklagen »Tristitia, epistulae ex Ponto« (die beide in dem vorliegenden Briefwechsel mitschwingen), und sie können oftmals auch als Grundlage für die biographische und psychoanalysehistorische Forschung genutzt werden.
Es ist deshalb ein großes Verdienst, dass die Psychoanalytikerin Diana Rosdolsky den Briefwechsel zwischen Ernst Federn und seinem Vater aus den Jahren 1945 bis 1947 jetzt herausgegeben hat. Außer der Korrespondenz enthält der Band noch weitere (kommentierende) Beiträge: Ernst Federns »Buchenwald-Broschüre«, Das Schweigen über Ernst Federns KZ-Haft in den Briefen, Federns Ichpsychologie und der »Meistermann« des Traums, »Torpedos unter der Arche«. Ernst Federn über Marx und Freud (Galina Hristeva); August Aichhorn und seine Beziehung zu Paul und Ernst Federn (Thomas Aichhorn); »Zu Liebe, Hass und Kreativität zwischen Vater und Sohn. Paul und Ernst Federn sprechen über Laios und Ödipus« (Peter Theiss-Abendroth).
Der Briefwechsel, der aus Zensurgründen teilweise auf Englisch geführt wurde, ist asymmetrisch, denn vom Vater stammen ca. 54 Briefe, vom Sohn hingegen nur 25. Während Ernst Federn mit dem Vater vor allem theoretische, lebenspraktische, berufliche, finanzielle und Publikationen betreffende Fragen behandelt hat, spricht Wilma Federn in den ca. 130 Briefen an ihren Sohn vor allem persönliche und gefühlsmäßige Probleme an (vgl. S. 12 f., 27 f., 46, 49). Vater und Sohn hatten viele Jahre nichts voneinander gehört, aber es war nicht die Situation des »verlorenen Sohnes«, sondern ein Austausch zwischen einem seelisch traumatisierten, in der Hölle des KZs sieben Jahre gefangenen Mannes und seinem im Exil lebenden Vater.
Ernst Federn, zum Beginn des Ersten Weltkrieges, der »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts«, geboren, war der Sohn von Paul Federn, einem bedeutenden Wiener Psychiater und Ps