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Neue Erkenntnisse sind der Anlass, die beiden Tragödien des Sophokles neu zu interpretieren. Hierzu gehören u.a. die in den letzten Jahren gewonnenen Einsichten über die sozialen und familiären Gegebenheiten im Athen der Antike. Aus ihnen ergibt sich, dass sich die Eheschließung den materiellen Interessen des Hauses unterzuordnen hatte. Außerdem haben wir gegenwärtig ein geschärftes Bewusstsein für sexuelle Gewalt und sexuellen Missbrauch, die häufig im familiären Umfeld stattfinden. In seiner langjährigen Praxistätigkeit begegnete der Autor nicht selten Inzestopfern, kaum dagegen Tätern. Beide Tragödien des Sophokles enthalten Beobachtungen über Inzest und dessen Folgen. Es scheint so, als ob Sophokles Abwehrmechanismen und Abwehrkonfigurationen der Zensoren und des Publikums Rechnung getragen hätte, um sozialkritische Inhalte darstellen zu können.