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Johannes Döser (2019) lässt in seiner Notiz zu Dürers »Heiliger Familie« von 14941 Josef von Nazareth einen reinen Wunscherfüllungstraum träumen. Wenn an diesem Traum irgend etwas dran ist - und er nicht nur eine reine Wunscherfüllung Dösers darstellt -, dann stehen wir vor einer kunstgeschichtlichen Revolution, nämlich vor der Aufgabe, die seit Jahrhunderten festgeschriebene Funktion dieser Heiligengestalt in Kunst und Kirchenlehre umzuschreiben. Joseph, der sogenannte Nährvater Jesu, hat vorwiegend passiv, sorgenvoll, demütig, gehorsam und - wegen seines Alters - schon etwas kraftlos zu sein. Döser lässt ihn nun diesen ikonographischen Käfig sprengen und von einer »friedlichen und besseren Welt« (S. 1038) träumen. Woher nimmt er diese Deutung?
Zunächst einmal aus einer Lilie in der Hand Marias, die aber in dem Bild gar keine Lilie, sondern eindeutig eine Nelke ist. Diese von ihm phantasierte Lilie - die ikonographisch außer für Jungfräulichkeit auch noch für die Sorglosigkeit der »Lilien auf dem Felde« steht, von denen Matthäus 6,28 sagt: »Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht«, und dennoch sind sie schöner gekleidet als Salomo »in all seiner Herrlichkeit« - bildet für Döser den antiimperialistischen und »utopischen« (S. 1038) Hintergrund seiner Deutung. Man könnte auch mit Bertram Lewin (1984) sagen: Diese Lilie ist die »Traumleinwand«, vor der er seinen Deutungsfilm abdreht.
Die Nelke im Bild hat über alle Epochen der christlichen Kunst hinweg eine ganz andere Hinweisfunktion; im süddeutschen Sprachgebrauch - »Nägelein« - ist sie geradezu selbsterklärend: Die Nelke weist auf die Nägel hin, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen wird. Maria blickt nun in Dürers Bild gedankenvoll auf diese Nelke in ihrer Hand und nicht etwa auf das Jesuskind. Und das Jesuskind seinerseits zeigt auf Josef. Und dieser Josef sitzt etwas seitab und schläft - oder vielleicht denkt er auch nur nach, denn seine Augenlieder sind noch einen Spalt weit offen; der eindeutig schlafende Josef