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In vielen Filmen Alfred Hitchcocks geht es um den Mord an Frauen. Mit obsessiver Grausamkeit lässt er die »blonde Frau« zum (mehr oder weniger selbst schuldigen) Opfer werden. Besonders eindrucksvoll gestaltet er dies in seinem 1960 entstandenen Film Psycho. Wir glauben, dass gerade dieser Film uns exemplarisch auf eine sehr grundsätzliche Problematik hinführen kann, die in der Psychoanalyse - nach unserem Eindruck - bisher zu wenig ins Auge gefasst wurde. In dem Film geht es nämlich nicht primär um den allbekannten Vatermord, der eine am Ödipus-Komplex orientierte Analyse anregen würde. Vielmehr rückt der Film den noch tiefer verdrängten Mord an der Mutter ins Zentrum. Der griechische Mythos stellt uns mit Ödipus den schuldig-unschuldigen Vatermörder vor Augen, kennt aber - in der Gestalt des Orestes - auch den schuldig-unschuldigen Muttermörder.1 Beide stellte die attische Tragödie aufs Theater. Für Freud war bekanntlich der Ödipus-Komplex das Schibboleth der Psychoanalyse. In einem Brief vom 8.10.1924 stellt er eine Beziehung zu Orest her: In ihm verkörpere sich eine »machtvolle Reaktionsbildung« gegen die ödipale Schuld, der Sohn werde anstatt der Mörder seines Vaters der Rächer seines Mordes. Den Muttermord lässt Freud unerwähnt. Wir meinen, dass er damit die Beziehung zwischen diesen beiden Mythen nicht hinreichend erfasst. Vater- und Muttermord hängen sehr viel intrinsischer miteinander zusammen, als dies bisher in den Blick genommen wurde. Anhand der folgenden »Psycho«-Analyse möchten wir diesen Zusammenhang tiefer aufklären und damit auch Licht darauf werfen, was Julia Kristeva in der Neuen Zürcher Zeitung vom 26.1.2018 einen »unerschlossenen Kontinent« nannte: nämlich die männliche Sexualität mit ihren (vielleicht unvermeidlichen) Gewaltanteilen und ihrer grundsätzlichen Ambivalenz gegenüber »der Frau«.