You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Wäre man nicht wie die Rezensentin kurz nach der Wende in Sachen Seele in Polen unterwegs gewesen, hätte man kaum erfahren, dass über die dunklen Zeiten hinweg dort an vielen Orten - in Posen, Warschau, Stettin, Danzig, Krakau - fortgesetzt Psychoanalyse stattfand. Auf privater Ebene zwar, oft nach der Polizeistunde, kostenfrei und vor allem unter enormem Einsatz vieler einzelner Getreuer. Der vorliegende erste Band über die Psychoanalyse im polnisch-deutsch-jüdischen Kulturkontext enthält vieles von dem, was an der Geschichte der Psychoanalyse in den ersten Jahren ihrer Entstehung bewegt und berührt.
Da ist an erster Stelle die Feststellung, in welchem Maße die Psychoanalyse für die hohe Gesellschaftsideale vertretende Schicht der polnischen Intelligenz ein Hoffnungsträger war. Mit ihr schien eine neue Gesellschaft, schienen bessere, gar neue Menschen wahr zu werden.
Daneben versprach sie all denen, die nicht im Zentrum der sozialen und kulturellen Entwicklung standen, sondern wie die jüdische Bevölkerung und Frauen nach Assimilation und sozialer Teilhabe strebten, Befreiung durch Bildung, neue Karriereaussichten und Selbstbestimmung. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass in den frühen dreißiger Jahren mehrere Arbeiten Freuds sogar ins Jiddische übersetzt wurden. Mit der Psychoanalyse von Professor Freud, der »Ikone für die ausgegrenzten Juden der Zeit«, dem »revolutionärsten Menschen der Zeit« (H. Deutsch), schien das Leben individuell und gesellschaftlich besser werden zu können.
Anfang des 20. Jahrhunderts waren utopische Ideen zur Weltverbesserung wie diese zwar nicht ungewöhnlich, und die Psychoanalyse belegte im Ranking der Emanzipationsbewegungen neben der Esperantobewegung, dem Marxismus, dem Zionismus und dem Jiddischtum nur einen Platz unter anderen. Trotzdem können die gläubigen Erwartungen, die ihr damals zuteilwurden, über hundert Jahre später wohl berühren und aufrütteln. Da fällt nicht einmal ins Gewicht, dass Freud der unmittelbaren Beeinflus