You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Was für ein Buch! Der Titel klingt wie eine Neuauflage von Freuds düsterer Zeitdiagnose »Trauer und Melancholie«, geht aber darüber hinaus, denn diesmal wird Melancholie, oder Weltschmerz, mit »Bedeutung« verbunden. Wie stehen die beiden Begriffe zueinander?
Den Unterschied von Melancholie und Trauer hatte Freud als den zwischen Selbstverlust und Weltverlust beschrieben. Da nach Leibniz für Selbst- und Welterhalt die gleiche Kraftanstrengung erforderlich ist, Welt und Selbst also mehr miteinander verbunden sind, als wir es in unserer Verblendung sehen wollen, wird uns hingegen vor Augen geführt, dass wir Gefahr laufen, beides zu verlieren - die Welt geht aus den Fugen und wir, verwirrt, mit ihr. Gegen solche Verwirrungen suchen viele die Lösung im geordneten Wahn: Alles Lüge! Holocaust ist Lüge, Klimakatastrophe ist erfunden und Corona auch! Statt auf Empörung über so viel Verrücktheit setzt Christopher Bollas auf Aufklärung: Seines Erachtens brauchen wir »Bedeutung«, um unsere Melancholie zu kurieren.
Können Psychoanalytiker beurteilen, ob und wie unsere Gemütsverfassungen und die daraus folgenden Überzeugungen und Mentalitäten von sozialen Ordnungen, Epochen und Großwetterlagen abhängen? Wenn wir ökonomisch und kulturell desaströse Zustände auf Gier, Neid oder Narzissmus zurückführen, klingt Freuds Wort vom »dünnen Firnis der Zivilisation« pastoral, drohend, zur Umkehr mahnend. Wie aber sollte Umkehr möglich sein, wenn die inkriminierten Eigenschaften
zugleich als Zentrum des menschlichen Inneren, als dessen »Natur« gelten sollen?
Solche Diskurse sind aus Bollas’ Sicht gerade nicht aufklärerisch. Dieser Autor ist jedoch nicht nur Psychoanalytiker, Historiker und Literaturwissenschaftler, sondern blickt auch auf eine bewegte Zeit als politischer Berater zurück. Der Schrecken über Trump, den Brexit, zunehmende Nationalismen und antidemokratische Regierungen sowie über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich veranlassten ihn zu diesem aktuellen Buch in der besten