You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In Platons Politeia stuft Sokrates die Suche nach Gerechtigkeit als etwas ein, »das tausendmal mehr wert ist als alles Gold« (Platon 1988, S. 17). Das Gespräch darüber, was Gerechtigkeit sei, provoziert Sokrates’ Gesprächspartner Thrasymachos zu einer äußerst ungestümen Reaktion: Er »krümmte sich zum Sprung zusammen wie ein wildes Tier und stürzte sich [auf Sokrates und Polemarchos] wie auf seine Beute« (S. 16).
Folgt man Aner Govrin, einem israelischen Psychoanalytiker und klinischen Psychologen von der Bar-Ilan Universität in Ramat Gan, sind moralische Debatten tatsächlich »a messy affair« (S. 137). Moralphilosophie und Moralpsychologie bieten uns bisher leider - trotz einiger richtiger Einsichten - auch keine zufriedenstellenden Antworten. Staunen kann man nach Govrin hingegen darüber, dass Menschen ein so unerschütterliches Vertrauen in das eigene moralische Urteil haben, wie sie es sonst selten zeigen. Govrin ist überzeugt, dass, wenn es um Moral geht, alle Menschen dieselbe Sprache sprechen. Diese universelle Sprache versucht er in seinem Buch offenzulegen. Entgegen relativistischen Argumenten und Sichtweisen weist er nach, dass moralische Urteile gesellschafts- und kulturübergreifend denselben grundlegenden Strukturen und Schemata folgen. Als ihr Fundament, gewissermaßen als die Keimzelle, der die moralischen Urteile entsprießen, identifiziert Govrin die Dyade.
Govrins Idee und Argumentation sind in ihrer Einfachheit brillant. An der Wurzel eines jeden moralischen Urteils finden sich seines Erachtens dyadische Beziehungen. Da eine solche Dyade völlig ungleiche
Parteien verbindet, zeichnet sie sich oft durch ein Ungleichgewicht aus: »a weak party that has suffered harm and a strong side that has violated the observer’s expectations« (S. 132). Govrins innovative Theorie hat ihren Ausgangspunkt in John Bowlbys Bindungstheorie. Unsere moralischen Einschätzungen sind demnach in unseren frühen Erfahrungen der Mutter-Kind-Dyade verankert. Weitere Anregungen findet