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»Ich bin nichts als ein Conquistadorentemperament«, schrieb Freud im Februar 1900 an Wilhelm Fließ (Freud 1985c, S. 437). Drei Monate zuvor war die Traumdeutung erschienen, ein Buch, in dem Freud den »Schlüssel« gefunden zu haben glaubte, mit dem »vieles« aufgeht (S. 378). Psychoanalyse war für ihn von Anfang an mehr als ein therapeutisches Verfahren, es war eine Deutungsmacht, die auf Eroberung angelegt war, auf Expansion. Der Expansionswille, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts überall in der Gesellschaft zeigte, war auch Freud nicht fremd. Im Gegenteil, er träumte nicht nur davon, den Weg ins »innere Afrika« zu finden und den dunklen Kontinent der Seele zu kolonialisieren, sein Anspruch auf Deutungshoheit ging, wie wir wissen, sehr viel weiter: Er erstreckte sich auch auf die Naturwissenschaften, auf Ethnologie und Geschichte. Sogar den Okkultismus und die Mythologie wollte Freud mit seinen Schülern erobern, vor allem aber Kunst und Literatur, insbesondere die »Biographik«. In einem Brief an C.G. Jung vom Oktober 1909 spricht er von »Feldzüge[n]«, für die man »Männer, Arbeiter« (Freud 1974a, S. 280) benötige.
Es war die heroische Zeit der Psychoanalyse. In den heutigen postheroischen Zeiten sind solche Expansionsträume freilich nicht mehr en vogue, man ist hinsichtlich der Vorrangstellung und Deutungsmacht des Paradigmas sehr viel bescheidener geworden. Es geht eher darum, das Gebiet, auf dem die Psychoanalyse einst unumstritten herrschte, zu verteidigen und gegenüber neuen Therapien, die vermeintlich schneller wirken, den ihr angestammten Platz zu behaupten. Ganz anders stellt sich die Beziehung der Psychoanalyse zur Literaturwissenschaft dar. Der Anspruch des Paradigmas auf Deutungshoheit in diesem Bereich wurde von Freud und seinen Schülern schon früh
machtvoll vorgetragen, davon zeugt die Gründung der Imago 1912. Die Formel Schleiermachers, die um 1900 von Dilthey wiederholt wurde, dass der Philologe den Dichter besser versteht als dieser sich selbst, mach