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Der Historiker und stellvertretende Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin Uffa Jensen gibt in seiner Studie Wie die Couch nach Kalkutta kam, mit der er 2016 an der FU Berlin habilitiert wurde, einen detaillierten Einblick in die Verbreitung der Psychoanalyse in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, genauer zwischen 1910 und 1940. Als Schauplätze der frühen »globalen« Entwicklung der Psychoanalyse, ihrer Rezeption und Popularisierung, wählte er die Städte Berlin und London sowie das indische Kalkutta; dafür lernte er eigens die bengalische Sprache (S. 40).
Das Werk behandelt inhaltlich u.a. die Institutionen, die sich in diesen drei Städten entwickelten und dazu beitrugen, die Psychoanalyse mit ihren spezifischen kulturellen Ausprägungen zu etablieren. Es zeigt sich, dass solche globalisierenden Strukturen gleichzeitig Raum für zahlreiche »Missverständnisse« boten, was sich vor allem in der Theoriebildung der Psychoanalyse wie auch in den Kontroversen über das »Wesen« und die Bedeutung von Begriffen - wie etwa den Ödipuskomplex - niederschlug. Hierbei wird beispielsweise deutlich, dass die Mutter in der bengalischen Kultur eine wesentlichere Rolle spielte als der Vater in Europa, was für die Entwicklung eines Ödipuskomplexes von fundamentaler Bedeutung ist. Welchen Einfluss mag dies auf die Entstehung intrapsychischer Konflikte und die Neurosenentwicklung im damaligen Bengalen gehabt haben?
Jensen zeichnet, auch anhand von Übersichtstabellen, ein sozioökonomisches Profil der Patienten, das die oft geäußerte Behauptung, die Psychoanalyse sei seit ihren Anfängen als Behandlungspraxis nahezu ausschließlich den höheren sozioökonomischen Bildungsschichten
vorbehalten, in Teilen widerlegt (vgl. S. 175). Die soziale Hierarchie in einer Kastengesellschaft wie Indien - vor allem damals während der Kolonialzeit - und deren Einfluss auf die psychoanalytische Behandlungspraxis wird aber leider nicht thematisiert. Aufschlussreich ist andererse