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Wer keine Kinder im Vorlesealter hat, interessiert sich als Erwachsener meist nicht mehr für Märchen. Gleichwohl gehört diese Textgattung zum festen Bestandteil des narrativen Weltkulturerbes, darin nur vergleichbar mit Mythen und Traumerzählungen. Diese und weitere Besonderheiten - etwa die sich wiederholenden Motive - haben Märchen bereits im 18. Jahrhundert zum Gegenstand wissenschaftlicher Erforschungs- und Archivierungsbemühungen werden lassen. Der Essay Das eigensinnige Kind des Chemnitzer Literaturwissenschaftlers Wolfram Ette lässt sich indes nur bedingt in diese Kategorie einreihen. Denn über ein rein gattungsgeschichtliches Interesse hinaus nutzt der Autor das gleichnamige Märchen aus der Grimm’schen Sammlung geschickt als Reflexionsgrundlage für eine gesellschaftspolitische Streitschrift.
Das eigensinnige Kind ist wohl das kürzeste, aber auch grausamste Märchen aus der Grimm’schen Sammlung. Es heißt, das Kind habe nicht tun wollen, was seine Mutter wollte, und auch der liebe Gott fand darum keinen Gefallen an ihm. Weil es sich nicht besserte, wurde es krank und starb. Doch auch von unter der Erde kam sein Ärmchen wieder hervor, so dass die Mutter zum Grabe gehen musste, um mit der Rute draufzuschlagen.
An dem Text gebe es nichts zu erkennen, notiert Ette in der Einleitung, eher erkenne er uns. Aber was wird da erkennbar? Unser Verhältnis zur Kindheit? Die Rolle der Familie als Mittlerin zwischen
Gesellschaft und Individualität? Die Illusion eines eigenständigen Lebens? Der Autor untersucht diese und weitere Fragen des Menschseins vor dem Hintergrund des Grimm’schen Märchens und analysiert unter Einbeziehung weiterer literarischer Quellen und theoretischer Bezüge frühere und gegenwärtige gesellschaftliche Gewaltverhältnisse. Mit Lloyd DeMause geht der Autor davon aus, dass vom Fortschritt in der Eltern-Kind-Beziehung in Europa eher nur ein sehr privilegierter Teil der Bevölkerung profitiert hat. Alle Kulturen kennen indes Initiationsriten, mit deren Hilfe