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August Aichhorn (1878-1949) braucht heutzutage niemandem mehr vorgestellt zu werden, der sich mit Psychoanalyse und Pädagogik beschäftigt. Seine vor nahezu 100 Jahren erschienene Sammlung von Vorträgen Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung ist das in viele Sprachen übersetzte Standardwerk zu diesem Thema. Es ist noch immer das grundlegende Vorbild für den psychoanalytisch-erzieherischen Umgang mit »verwahrlosten« Jugendlichen.
Die erste der beiden hier rezensierten Sammlungen von Publikationen Aichhorns enthält als Einführung »Beiträge zur Biographie und zum Werk August Aichhorns« von Thomas Aichhorn, die zusammen mit den »Daten zum Lebenslauf« am Ende des Bandes eine gute Orientierung über die Zusammenhänge gibt, in denen die folgenden Texte von August Aichhorn entstanden sind. Der erste Text im Buch ist in Teilen eine wörtliche Vorwegnahme und insgesamt eine bündige Darstellung dessen, was Verwahrloste Jugend detaillierter ausführt. Schon hier macht August Aichhorn klar, dass er »Verwahrlosung« vor allem als die Folge einer Fehlentwicklung in den frühkindlichen libidinösen Beziehungen zu den Objekten der frühen Umgebung sieht. Er stellt kurz dar, wie er bei seiner damaligen Arbeit als Leiter der Erziehungsanstalt Oberhollabrunn durch die Schaffung eines spezifischen erzieherischen Milieus mit absoluter Milde und Güte sowie mit Beschäftigung und Spiel die zum Teil sehr aggressiven Jugendlichen behandelt. Und er zeigt, wie er die libidinösen Fehlentwicklungen beeinflussen und korrigieren kann, indem er eine Übertragungsbeziehung zu den Jugendlichen herstellt. All das hat er später ausführlich beschrieben, aber dieser Text ist von besonderem Interesse, weil es der Vortrag ist, den er im Juni 1922 zur Aufnahme in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung hielt. Er beendet ihn mit der Benennung dessen, was er der Psychoanalyse für seine Arbeit verdankt: das Verständnis der unbewusst wirkenden Komplexe und des so oft die Dissozialität bedingen