You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
»Bei den universalen Traumen, denen die Menschheit ihre Kinder und Jugendlichen aussetzt, handelt es sich um schwer erträgliche Wahrheiten: die Andersheit des anderen, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und Generationen sowie die Unvermeidbarkeit des Todes«
Seit 2015 erscheint beim Stuttgarter Verlag frommann-holzboog die Ausgabe der Werke von Judith Le Soldat (1947-2008), einer schweizerischen Psychoanalytikerin und Autorin. Das Werk wird von der Le Soldat-Stiftung herausgegeben und von Monika Gsell kritisch ediert. Der erste Band, Grund zur Homosexualität, Vorlesungen zu einer neuen psychoanalytischen Theorie der Homosexualität (2015), enthält eine systematische Darstellung von Le Soldats Revision der Theorie des Ödipuskomplexes, die die Autorin bereits 1994 in ihrem Buch Eine Theorie des menschlichen Unglücks. Trieb, Schuld, Phantasie entwickelt hatte. Das Buch ist als dritter Band der Werkausgabe unter einem neuen Titel, nämlich Raubmord und Verrat, 2020 erschienen. Le Soldats Theorie wurde vorwiegend von einem kleinen Kreis von Zürcher Psychoanalytikern rezipiert. Im Journal der Psychoanalyse 57/2016 erschienen einige Artikel, u.a. von Monika Gsell; in der Psyche 72(1) publizierte Markus Fäh 2018 seine Arbeit »Kolposwunsch, Peniswunsch und Kastrationstat.
* Bei der Redaktion eingegangen am 10.3.2021.
Aspekte einer Erweiterung der Theorie des Ödipuskomplexes«. Diese Arbeiten konstituieren die Grundlage meines Kommentars.
Meine kritischen Überlegungen beziehen sich ausschließlich auf Le Soldats ödipale Theorie und gehen von einem Standpunkt der »klassischen, zeitgenössischen« ödipalen Theorie aus, der sich an Freud und seinen Nachfolgern, wie Klein, Winnicott, Bion, Green, Laplanche, Ogden, Roussillon und anderen Autoren, orientiert. Im Vergleich zur ursprünglichen Fassung der Libidotheorie existiert heute eine sehr viel komplexere Theorie psychosexueller Entwicklung, die wir den Erkenntnissen der psychoanalytischen Entwicklungspsy