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Orpheus, untröstlich über den Verlust seiner jungen Gattin Eurydike, steigt in die Unterwelt hinab und kann mit seinem Gesang Hades, den Herrscher der Toten, dazu bewegen, ihr die Rückkehr auf die Erde zu gestatten, unter der Bedingung freilich, dass er sich unterwegs nicht nach ihr umwendet. Dies kann Orpheus nicht einhalten, so dass Eurydike, nunmehr für immer, entschwindet. - Man vergleiche diese Geschichte mit dem Demeter-Persephone-Mythos: Auch Demeter hatte durch ihr Klagen die Rückkehr ihrer Tochter Persephone erwirken können, die Hades geraubt hatte. Aber da die Götter unsterblich sind, entstand hieraus der Kompromiss einer zyklischen Zeitordnung: Persephone darf einen Teil des Jahres bei ihrer Mutter verbringen, woraus sich der ewige Wechsel der Jahreszeiten ergibt. Nicht so bei Orpheus: Von seiner Geschichte geht eine schwer fassbare, schwer erträgliche Unruhe aus.
In dieser Form ist sie erstmals bei Vergil, dann bei Ovid überliefert, also eine späte Ausformung; für die griechische Überlieferung ist die Quellenlage spärlich, wir wissen nur in Umrissen von einer Unterweltsfahrt des Orpheus und einer Wiederbegegnung mit Eurydike (Storch 1997). Orpheus als mythische Gestalt ist sehr alt, vor-homerisch. Allen, die im Lauf der Jahrhunderte den Abstieg in die Unterwelt und vor allem die Rückkehr wagten, hat er den Weg gezeigt: Homers Odysseus, Vergils Aeneas, dem Christus des nizänischen Glaubensbekenntnisses, Dante - warum nicht auch Freud? Nach Orpheus ist die »Orphik« benannt, eine
* Bei der Redaktion eingegangen am 23.11.2021.
Strömung innerhalb der griechischen Religiosität, die eigene Erzählungen und Mysterienkulte entwickelte (Auffahrth 2003). Der Sage nach aus Thrakien in Nordgriechenland stammend, könnte Orpheus, so wird vermutet, den Einfluss skythischer und damit schamanischer Traditionen auf das griechische Denken personifizieren; jedenfalls taucht in der Orphik die den Griechen sonst fremde Vorstellung auf, die Seele könnte den Körper verlassen, den