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Was in therapeutischen Praxen als psychische »Störung« begegnet, kann immer weniger ohne den Einfluss von Social Media verstanden werden. Diese bestürzende Erfahrung machen alle, die Anorektikerinnen behandelt haben und darauf gestoßen sind, dass es mächtige Einflüsse von Websites gibt, die junge Frauen darin bestärken, immer weniger zu essen und »durchzuhalten« bis zum Tod.
Die klinische Nosologie, die früh schon familiäre Systemdynamiken bei dieser Erkrankung beschrieb, erweitert ihre Modellbildungen um solche Einflüsse. Magersucht ist eine einheitlich scheinende Lösung für verschiedenste seelische Konfliktlagen; eine solche Überlegung fließt in die Behandlungsführung ein. Vergleichbares könnte man für die Adipositas sagen. Aber durchaus auch für Alkoholismus oder weitere Formen der Drogenabhängigkeit. Alle drei sind nicht mehr vollständig durch unbewusste Konflikte zu erklären, sondern kommen durch eine Entscheidung unter unbewusstem Konformitätsdruck zustande.
Im Rückblick scheint es, als wäre der Verzicht auf die Spezifitätshypothese in der Psychosomatik (spezifische unbewusste Konflikte determinieren ein spezifisches Krankheitsbild) ein Anfang dieser Entwicklung gewesen. Georges Devereux hatte den Begriff der »ethnopsychischen Störung« vorgeschlagen, wonach sich soziale Konflikte individuell manifestieren; freilich brauchen wir heute erweiterte Vorstellungen, um zu verstehen, warum so viele Menschen für verschiedenste Konflikte und Probleme einheitlich auf »vorformulierte
Lösungen« zurückgreifen. Eine steuert Stephen B. Levine, Psychiatrie-Professor an der Case Western University School of Medicine bei; er spricht in einem (zweiten) Vorwort zum vorliegenden Buch von »larger cultural wars«.
Schaffung eines beruhigten Reflexionsortes ist das wichtigste Anliegen dieses von Susan und Marcus Evans herausgegebenen Buches. Es bietet ein reiches klinisches Tableau für »gender dysphoria« (Geschlechtsdysphorie) an. Seit etwa zehn Jahren treten immer mehr junge Menschen