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In einem offenen Brief an den Nobelpreisträger Romain Rolland zu dessen 70. Geburtstag beschrieb und analysierte Sigmund Freud »Eine Erinnerungsstörung auf der Akropolis«, die ihn während seines Athen-Besuchs 1904 befallen hatte. Diese Gelegenheitsarbeit, im Almanach der Psychoanalyse für das Jahr 1937 erstmals publiziert, zog eine Fülle von biographischen und psychoanalytisch orientierten Studien nach sich. Die von Freud angeblich »geheim« gehaltenen und »unbewussten« Hintergründe, Beziehungsdynamiken und Motive haben dabei mehr Aufmerksamkeit und Spürsinn erregt als die ausgesprochenen theoretischen Überlegungen zur Ich-Psychologie. In den 1990er Jahren ist eine Vorfassung dieses Briefessays unter dem Titel »Unglaube auf der Akropolis« bekannt geworden (Palmedo & Fichtner 1999, S. 111), die von der Österreichischen Nationalbibliothek erworben und nun von Alexandre Métraux, dem ehemaligen Mitherausgeber der wissenschaftshistorischen Zeitschrift Science in Context, erstmals vollständig veröffentlicht werden konnte. Die Edition dieses »Urtextes«, der von dem dabei noch einmal nachgedruckten Brief an Romain Rolland z.T. erheblich abweicht, bildet den Kern und Ausgangspunkt der schmalen, auf den ersten Blick sehr ansprechenden Publikation des Wallstein-Verlags.
Das ausführliche »Nachwort« gestaltet Métraux zu einer spannenden detective story, in der eine Antwort auf die Frage gesucht wird, warum Freud den »Urtext«, die Entwurfsfassung, nachträglich auf
einen Zeitpunkt datiert habe (9.12.1936), an dem sein Briefessay an Rolland nicht nur längst abgeschickt worden war (S. 32), sondern - wie wir den Tagebüchern von Thomas Mann entnehmen können (Mann 1978, S. 395) - auch seit einigen Wochen schon publiziert vorlag. Die Lösung des Rätsels findet sich Métraux zufolge in einer von ihm ausgiebig zitierten Arbeit von Henri und Madeleine Vermorel, die nachweisen konnten, dass Rollands zweite Ehefrau Marie Koudatcheva Autoren wie Freud und Stefan Zweig, George Bernard Shaw und