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Die Zürcher Psychoanalytikerin Judith Le Soldat (1947-2008) hat ein eigenwilliges und sehr eigenständiges theoretisches Werk hinterlassen. Ihre thematischen Arbeitsschwerpunkte beinhalteten eine triebtheoretische Erweiterung der Theorie ödipaler Konflikte (Le Soldat 1994; 2020; 2015, Kap. 5-8) und - ebenfalls triebtheoretische - Beiträge zum Verständnis einer speziellen Entwicklungslinie männlicher Homosexualität (Le Soldat 2015, Kap. 9-11; 2018), die man vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Psychoanalyse auch als eine spezielle homosexuelle Variante von »Grenzfällen« bezeichnen könnte.
Obwohl ihr Werk seit dem Erscheinen der Werkausgabe zunehmend auf Interesse stößt, gibt es nach wie vor kaum Literatur, die ihre Beiträge zur Weiterentwicklung der psychoanalytischen Theorie kritisch würdigt.1 Umso mehr begrüßen und schätzen wir May Widmer-Perrenouds »Kritische Überlegungen zu Judith Le Soldats Theorie des
* Die Autoren replizieren auf den Beitrag: M. Widmer-Perrenoud (2022): Einige kritische Überlegungen zu Judith Le Soldats Theorie des Ödipuskomplexes. Psyche - Z Psychoanal 76, 63-76. DOI .
Bei der Redaktion eingegangen am 27.7.2022.
Die Werkausgabe erscheint im frommann-holzboog Verlag, erschienen sind bisher vier von fünf Bänden. Zu einer kritischen Würdigung von Le Soldats ödipaler Theorie siehe Schon & Stakelbeck 2016; zu einer kritischen Würdigung von Le Soldats Verständnis einer speziellen Entwicklungslinie der männlichen Homosexualität siehe Binswanger (2016), insbes. S. 14-17 und S. 21f., sowie Dannecker (2019).
Ödipuskomplexes«, die im Januar 2022 in der Psyche erschienen sind (Widmer-Perrenoud 2022). Sie ermöglichen einen willkommenen Außenblick und werfen Fragen auf, die wir uns so noch nie gestellt haben.
Widmers Überlegungen sind für uns teilweise durchaus nachvollziehbar. Die Schlussfolgerungen hingegen, die sie zieht, kann man unseres Erachtens nicht unkommentiert stehen lassen. Sie basieren zum einen auf einem begriffli