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Ideale und Gebote dienen der Orientierung des Handelns. Sie sind unerlässlich. Sie haben aber eine unterschiedliche Funktion: Nach dem einen strebe ich und kann es nie ganz erreichen; dem anderen gehorche ich, um nicht verstoßen zu werden.
Das Ideal ist ein Bild, es steht vor Augen. Ich »identifiziere« mich mit ihm, aber ich entspreche ihm nicht. In meiner Identifikation mit dem Ideal bin ich immer von Scheitern bedroht. Scham ist die Folge, jene Scham, deren Qual immer noch besser ist als Nicht-Identität. Das Ideal gibt meiner Haltung eine Ausrichtung, und ich würde gerne sagen: Es ist meine Haltung; es ist aber gerade nicht individuell und persönlich, sondern ein Vorbild. Das Versprechen, zu sein wie das Ideal, ist auch eine Verführung: »Ihr werdet sein wie …« - so hat schon immer die Schlange gesprochen. Das Ideal kann zum Idol werden, ihm folgen kann heißen: um das Goldene Kalb tanzen.
Dagegen erhebt das Gebot Einspruch. Meist ist es ein Verbot: »Du sollst nicht …«. Es wird gesprochen und erreicht mein Ohr, auch wenn ich mich verstecke. Es verführt nicht, es schließt aus und vertreibt. So stiftet es den Unterschied zwischen Erlaubtem und Verbotenem und damit die Verneinung. Das ist sein Paradox: Das Gebot setzt mich frei, zu befolgen oder zu übertreten. Es schafft einen Raum des Möglichen, indem der Raum des Erlaubten begrenzt wird. Das Gebot geht von einer Instanz aus, die Gesetze gibt und Bereiche trennt. Was verboten ist, gilt als das Böse, und das Erlaubte beansprucht, das Gute zu sein. Aber wonach richtet sich dies?
Psychoanalyse ohne Ideale und Gebote ist nicht möglich. Als Psychoanalytiker müssen wir Grenzen einhalten, und wir wollen unsere Sache »gut«
* Bei der Redaktion eingegangen am 31.10.2023.
machen. Aber können Ideale und Gebote uns dahin bringen, gute Psychoanalytiker zu sein? Oder werden wir durch Ideale verführt und durch Gebote ins Versteck getrieben? Über Ideale und Gebote sind wir in einen politischen und historischen Zusammenhang eingebunden,