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Ludwig Wittgenstein kann ohne Übertreibung als einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts gelten, obgleich er zu Lebzeiten wesentlich nur ein schmales Buch publizierte: den Tractatus logico-philosophicus (1921). Anliegen dieses Traktats ist die Fundierung des Sprachverständnisses in der formalen Logik. Wittgensteins umfangreiches, erst postum publiziertes Spätwerk rückt von der Annahme ab, Sätze könnten eindeutig bestimmt werden, und versucht, mit Bezug auf die Psychologie, die Strukturgesetze sprachlichen Verstehens zu ergründen. Christian Schneiders Studie Der sprachlose Philosoph liest die beharrliche Suche nach der Logik des Sprachverständnisses vor dem Hintergrund von Wittgensteins frühen Erfahrungen von Sprachlosigkeit. Wittgensteins Denken, so Schneiders Hypothese, ist angetrieben von Sprachlosigkeit und Schweigen, die seine Familie dominierten, in der etwa nie über den Suizid dreier Brüder Wittgensteins gesprochen wurde. Diese Sprachlosigkeit ließ Wittgenstein erst mit vier Jahren zu sprechen beginnen, lange mit dem Stottern und zeitlebens mit Dyslexie ringen sowie mit jenem eklatanten Ausfall von Verständlichkeit und Verständnis, der die »autistische Position« (Schneider 2020, S. 33) auszeichnet.
Schneider ist nicht daran interessiert, Wittgenstein zu diagnostizieren. »Autistisch« versteht er als phänomenologische Beschreibungskategorie für eine bestimmte Art der Erfahrung, bzw. deren Fehlen:
Isoliertheit in der Sprache, »keine Resonanz« (S. 81). Schneider unterstreicht gewissenhaft den Abstand, den er damit von klinischen Verwendungen des Begriffs beansprucht, und erinnert daran, dass es weder das einheitliche Autismus-Bild gebe noch die sich einige Autismus-Forschung. In vier Essays, die sich gut auch unabhängig voneinander lesen lassen, beleuchtet Schneider die Sprachlosigkeit bei Wittgenstein: (I) die Attraktivität der formalen Logik für einen, dem Interpersonalität gänzlich fremd scheint, (II) Stummheit und Todeserfahrung als Ausgan