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In seinem Vorwort zu diesem Buch skizziert Ludger M. Hermanns einen relativ neuen Forschungszweig der Geschichte der Psychoanalyse: Eher unbekannte Psychoanalytikerinnen werden vorgestellt. Bis auf das Porträt von Eva Rosenfeld sind die vier anderen Porträts von Joan Rivière, Grete Bibring, Fanny Lowtzky, Grete Obernik zwischen 2006 und 2021 bereits veröffentlicht worden.
Nina Bakman würdigt Joan Rivière als Freuds scharfsinnige, kluge Übersetzerin, die sich ohne akademische Bildung Freuds Respekt und Anerkennung verschaffte. Rivière lernte die Psychoanalyse als Jones’ Patientin kennen. Analytisch konnte Jones ihr leidenschaftliches Übertragungsangebot nicht bewältigen und ging eine persönliche Beziehung zu ihr ein. Mit Patienten, die Jones ihr überwies, entstanden gemeinsame »Kinder«. Joan Rivière wurde 1919 Mitbegründerin der British Psychoanalytic Society. Aber war sie da auch angekommen? Sie fühlte sich krank. Jones schickte Rivière zu Sigmund Freud. Ziemlich zerknirscht gestand er seine Abstinenzverletzung - nicht ohne sich gleichzeitig zu entlasten: Rivière bescheinigte er »kolossalen Narzissmus«, »Unkontrollierbarkeit ihrer Gefühlsreaktionen« und schwere Hysterie. Aber auch Freud zeigte sich verführbar und etablierte sie als Übersetzerin seiner ersten englischsprachigen Publikation. Obwohl sie sich von Freud verstanden fühlte, warf sie ihm vor, sie ebenfalls missbraucht zu haben. Eine vertiefte analytische Erfahrung war ihr bei Melanie Klein möglich. Es gelang ihr der Spagat, ihre gute Beziehung zu Sigmund und Anna Freud zu erhalten und von allen drei Analysen zu profitieren.
Im zweiten Teil ihrer Darstellung bezieht sich Bakman auf das Interview Kurt Eisslers mit Joan Rivière, das inzwischen digital abrufbar
ist - ebenso wie die Briefe Freuds an Rivière und Interviews mit Grete Bibring (geb. Lehner), die jüngste der Porträtierten. Grete Lehner studierte Medizin und gehörte dem linken Kreis um Otto Fenichel an. Da sie Jüdin war, musste sie Wien verlassen un