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Carlo Bonomi ist Psychoanalytiker, Lehranalytiker, Präsident des International Sándor Ferenczi Network und Künstler in Florenz. Er verfolgt seit 30 Jahren ein Thema, das vermutlich auch mit seinem letzten Buch nicht zum Abschluss gekommen sein wird: 1993 fragte er in einem Artikel »Why Have We Ignored Freud the »Pediatrician««? 2006 trug er in Paris zum Thema »Vom verstümmelten Genital zum Phalluskult« vor, 2009 veröffentlichte er »The Relevance of Castration and Circumcision to the Origins of Psychoanalysis«, 2015 und 2018 kamen die beiden Bände von The Cut and the Building of Psychoanalysis heraus und 2023 erschien A Brief Apocalyptic History of Psychoanalysis: Erasing Trauma. Wir sehen in diesen Titeln bereits sein zentrales Thema angedeutet: Bonomi hat sich mit der Tatsache der weiblichen Genitalbeschneidung in Deutschland und Österreich im vorletzten Jahrhundert auseinandergesetzt und diesen Fund konsequent in die Geschichte der Psychoanalyse eingearbeitet. In seiner Lesart hat er vor diesem Hintergrund die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung und die Geschichte der psychoanalytischen Theorieentwicklung neu interpretiert. Er ist dabei den Spuren Sándor Ferenczis gefolgt, der ihm auf der Suche nach dem Trauma des Patienten und des Analytikers voranging.
Dass seine Arbeit an diesem Thema bereits 30 Jahre andauert, wird nachvollziehbar, wenn man in Betracht zieht, wie unglaublich und anstößig die Tatsache der vielfachen ärztlichen Klitorisbeschneidung zu Zwecken der Verhinderung von Masturbation in Deutschland und Österreich
um die vorletzte Jahrhundertwende heute anmutet. Wir sind gewohnt, diese Art Verstümmelung in archaischen Kulturen zu finden und sie von ganzem Herzen zu verabscheuen. Aber dass die Klitorisbeschneidung zu der Zeit, als Freud begann, als Arzt zu arbeiten, noch immer weitgehend unbestrittene Praxis zur Bekämpfung der als schädigend verurteilten Masturbation war und dass Freud davon wusste (ohne sie freilich selbst auszuführen), hat Bonom