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Ein spannendes Gedankenexperiment: Wie hätte sich die Psychoanalyse wohl in ihren wissenschaftlichen Institutionen und als Theoriegebäude ohne die Verheerungen des Nationalsozialismus und insbesondere der Pogrome an jüdischen Menschen fortentwickelt? Hätte Sigmund Freud ohne die Emigration nach London die Psychoanalyse vehementer gegen Tendenzen der Neuformulierung gesichert? Hätten sich führende Köpfe der psychoanalytischen Avantgarde der 1950er und 1960er Jahre ohne die Erfahrung erzwungener Emigration und ohne den damit verbundenen Verlust ihrer gesicherten Existenz viel weniger neuen Denkströmungen geöffnet und die Psychoanalyse entsprechend viel konservativer weitergedacht? Oder blieb die Psychoanalyse gerade deswegen lange Zeit einer recht strengen Orthodoxie verhaftet, weil ihre Lehre in der Diaspora auch gegenüber völlig veränderten Lebensrealitäten aufrechtzuerhalten und zu verteidigen war?
Fraglos wäre ihre Institutionalisierung geradliniger verlaufen, weniger von Spaltungen und Kontroversen durchzogen. Denn die Ambivalenz gegenüber der im deutschen Sprachraum entwickelten Psychoanalyse konnte aufgrund der menschenfeindlichen und antisemitischen
NS-Ideologie nur höchst spannungsgeladen sein: Zwar waren exilierte Psychoanalytiker vor dem Verdacht einer Nazi-Täter- oder -Mitläuferschaft sicher und zählten sich zu Recht zu den Opfern der NS-Gewalt. Auf den anderen aber lastete Mitverantwortung für die Shoah - und damit auch für die Verfolgung des jüdischen »Urvaters« Freud und seiner Familie.
Liest man die Geschichte der International Federation of Psychoanalytic Societies (IFPS), die Andrea Huppke für die Jahre 1960 bis 1980 in ihrem soeben auf Englisch veröffentlichen Band (die deutsche Ausgabe erschien bereits 2021) zusammenträgt und diskutiert, so ist der Einfluss dieser historisch bedingten Ambivalenzspannung auf die internationale Psychoanalyse nicht überzubewerten. Organisationsgeschichte ebenso wie interpersonelle Dynamiken sind davon wesentlich gepr