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Die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel hatte ihrer differenzierten, kundigen und werkfokussierten Bachmann-Biographie - unter Rekurs auf eine Sequenz aus dem Malina-Roman - den Untertitel »Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses« (Weigel 2003) gegeben und dies zugleich mit einer impliziten Kritik an der autorenorientierten Werkrezeption verknüpft. Dieser zumal bei Bachmann unabdingbare subtile Umgang mit dem »Privaten« wird nun aber in der als spektakulär angekündigten Edition des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch unterlaufen. Einige Bachmann-Forscher sehen sich durch diesen Briefwechsel - Wir haben es nicht gut gemacht (2022) - in ihrer biographiefundierten Lesart des Werkes von Bachmann mehr denn je bestätigt, andere kritisieren dagegen, dass sich die Angehörigen Bachmanns, allen voran die Geschwister Heinz Bachmann und Isolde Moser, nach 50-jähriger Sperrfrist schließlich doch über den Willen ihrer Schwester hinweggesetzt hätten. Denn Ingeborg Bachmann hatte im Zuge der Zerrüttung der Beziehung Max Frisch mehrfach gebeten, ihr die an ihn gerichteten Briefe zurückzugeben oder sie zu vernichten.
In diesem Spannungsfeld bewegt sich nun das Schreiben und Nachdenken über diesen »spektakuläre[n] Briefwechsel«, der auf das fragile Gefüge von Intimität und Öffentlichkeit verweist, das uns in der hochgerüsteten digitalisierten Medienwelt längst vertraut ist und doch ein
* Titel eines Gedichts von Bachmann (2000, S. 19).
Bei der Redaktion eingegangen am 5.2.2024.
latentes Unbehagen erzeugt. Denn wenn wir diese privatesten Zeugnisse lesen, erliegen wir unweigerlich der Versuchung, diesem (nicht autorisierten) Exhibitionismus mit schambesetztem Voyeurismus zu folgen. Es mag eben genau diese Versuchung sein, die die Faszination dieses Briefwechsels ausmacht und die Verkaufszahlen binnen kürzester Zeit in die Höhe schnellen ließ, begleitet von einem Feuerwerk zahlloser Rezensionen in den Feuilletons und digitalen Medien, szenischen L