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Ulrike May beschäftigt sich seit 1990 mit der psychoanalytischen Theoriegeschichte und steuert seit spätestens 1997 auf die Frage zu, was die höchst einflussreiche Arbeit Karl Abrahams von den Grundkonzepten Freuds unterscheidet. Im Laufe der Jahre hat sie viele Teilbereiche untersucht und Artikel dazu veröffentlicht. Mit ihrem Buch Der Abschied vom Primat des Sexuellen führt sie ihre Erkenntnisse zusammen und zeigt Schritt für Schritt in sorgfältigster Kleinarbeit, dass sich viele einflussreiche Schüler Freuds, allen voran Abraham, Ernest Jones und später Melanie Klein, in den Jahren zwischen 1920 und 1925 mit einem Aggressionskonzept selbständig machten, das grundlegend von dem Freuds abwich und dem Freud nie zustimmte.
Die Begriffe »oralsadistisch« und »analsadistisch«, die durch Abraham, Jones, August Stärcke und Jan van Ophuijsen eingeführt wurden, spielen dabei eine zentrale Rolle. May zeigt in größeren Kapiteln, die mit den einzelnen Jahren 1920 bis 1925 überschrieben sind, wer in welchem Land und in Verbindung mit wem welche Konzepte ausarbeitete und wer wen förderte oder bekämpfte.
Herausgekommen ist ein Krimi der psychoanalytischen Theoriegeschichte, der einige grundlegende Erkenntnisse über das Gesamtgebäude der Psychoanalyse bereithält und dem Leser Momente beschert, in denen er versteht, was er immer schon zu wissen dachte. Diese Art Verstehen im Leser zu bewirken ist etwas außerordentlich Wertvolles
und Seltenes, weil wir das Gefühl bekommen, endlich die Ordnung des Gebäudes zu sehen, in dem wir uns in die ganze Zeit bewegen.
Die Erkenntnisse Mays kommen so einfach daher, wie nur etwas sein kann, was durch und durch verstanden wurde. Wertvoll und selten ist aber zudem, dass May den Leser zwar an die Hand nimmt und ihm den Weg zeigt, ihm aber den Raum zum Denken freilässt. Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass sie sich auf die Seite Freuds stellt und seiner Stimme Gewicht gegen den lauter werdenden Chor der Schülerstimmen verleihen will, die sich über