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Angesichts der (Über-)Fülle psychoanalytischer Schriften könnte man schon manchmal mit Karl Valentin sticheln: »Es ist schon alles gesagt, aber noch nicht von allen!« Das hier vorzustellende Buch des südafrikanischen unabhängigen Forschers und Übersetzers Thomas Olver widerlegt diesen Eindruck. Zunächst zitiert der Autor ausführlich bekannte Vertreter der verschiedenen psychoanalytischen Orthodoxien – Roy Schafer, Robert Stoller, Ruth Brunswick, Jacques Lacan – und weist nach, wie sehr sie von Freuds radikalen, jedoch vernachlässigten Aspekten der Sexualtheorie abgerückt sind. Zentral sind hier in erster Linie das Konzept der »ursprünglichen Bisexualität« sowie die von Freud selbst vorgenommene Revision des Ödipuskomplexes in Das Ich und das Es von 1923. Olver zeichnet die Argumentationslinien Freuds mit großer Genauigkeit nach.
Freud spricht von subjektiver und auf das Selbst-Objekt gerichteter (potenzieller) Bisexualität als Kern der infantilen Sexualität, die der Triangulierung, dem Erkennen des Geschlechtsunterschieds und der ödipalen Dynamik vorausgeht. Im autoerotischen – primärnarzisstischen – Geschehen nimmt das Kleinkind den eigenen Köper zum Objekt. Es ist ein Zustand von Selbstbesetzung und primärer Identifizierung mit sich selbst, einer Identifizierung, der – anders als der sekundären Identifizierung – kein Objektverlust vorausgeht. Im strengen Sinne ist es eine, im Nachhinein betrachtet, homosexuelle Besetzung und Selbst-Identifizierung, was der infantilen Polymorphie durchaus entspricht.