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Joan Riviere ist als hervorragende Freud-Übersetzerin und feinsinnige frühe Weggefährtin Melanie Kleins in analytischen Kreisen keinesfalls eine Unbekannte. Doch in den letzten Jahren scheint es beinahe, als ob ihre Bekanntheit in angrenzenden Disziplinen, allen voran in den Gender Studies, ihr innerpsychoanalytisches Renommee überholt hätte. Dies liegt vor allem an der ungebrochenen Popularität ihrer Arbeit »Weiblichkeit als Maske« (1929), die als einer der Grundlagentexte der aktuellen Debatten zur Geschlechtertheorie gilt (Butler, 1991 [1990]; Bower, 2018). Doch zeigt sich in dem hier wieder abgedruckten Text auch die weiterhin bestehende Aktualität der klinischen Überlegungen Rivieres. So stellt ihr Beitrag nicht nur eine der profundesten Auseinandersetzung mit dem so herausfordernden Phänomen der negativen therapeutischen Reaktion dar, sondern kann darüber hinaus als eine der klassischen Arbeiten zur Behandlung narzisstischer Pathologien bezeichnet werden, die neben einem tiefgreifenden theoretischen Verständnis auch zahlreiche behandlungstechnische Trouvaillen birgt (Plenker, 2000; Rosenfeld, 1990; Steiner, 1998 [1993]). Als Lehranalytikerin von Susan Isaacs, Donald Winnicott und John Bowlby sowie als Supervisorin von Hanna Segal, Herbert Rosenfeld und Henry Rey hat Riviere die klinische Theorie und Praxis der britischen Psychoanalyse entscheidend mitgeprägt, wobei dies, wie Segal im Vorwort zu der englischsprachigen Ausgabe der
* Eingereicht: 7.1.2026, angenommen: 16.1.2026
gesammelten Schriften Joan Rivieres ausführt, oftmals nicht bewusst anerkannt wird (Hughes, 1991a, S. 14).
Joan Riviere wurde als Joan Hodgson Verrall 1883 im südenglischen Brighton als Älteste von drei Geschwistern geboren. Im Jahr vor Joans Geburt hatte die Familie einen neugeborenen Sohn kurz nach der Geburt verloren.2 Ihr Vater stammte aus einer hochangesehenen und literarisch gebildeten Familie und war als Rechtsanwalt tätig, ihre Mutter war die Tochter eines Lan