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Bei einem Bibliotheksstreifzug stieß ich auf einen kleinen Artikel mit der Überschrift „Aus dem akademischen Polizeistaat“, als dessen Verfasser ein „Dr. Karl Abraham“, Berlin, zeichnet. Zunächst schien es mir wenig wahrscheinlich, daß „unser“ Abraham diesen Beitrag geschrieben haben könnte. Der Text bringt in deutlichen Worten die Empörung des Verfassers über das Vorgehen der Universitätsverwaltung zum Ausdruck, die eine studentische Vereinigung verboten hatte. Der öffentlich vorgebrachte, scharf formulierte Protest schien mir nicht zu Abraham zu passen. Ich hatte von ihm das Bild eines ruhigen, unterkühlten und beherrschten Mannes (vgl. Mächtlinger 1997), der allerdings einige Male recht scharf auf seine Rivalen bei Freud (Jung, Ferenczi, Rank) reagiert hatte (Cremerius 1997). Sollte dieser Abraham als 25jähriger - der Artikel stammt aus dem Jahr 1902 - ein engagierter, „rebellischer“ junger Mann gewesen sein? Auch der Stil des Beitrags sprach nicht ganz für Abraham. Die Schreibweise ist plastisch, kräftig, flüssig, getragen von einem wütenden, stellenweise ironisch gebrochenen Aufbegehren. So hatte ich Abraham in seinen (ab 1907 publizierten) analytischen Schriften nicht wahrgenommen.
Nun zum Artikel selbst. Er umfaßt gut eine Spalte in der Wiener Wochenschrift „Die Zeit“ und setzt sich mit einem Vorgang an der Berliner Universität auseinander. Dort hatte, wie wir erfahren, der Rektor, Prof. Kékulé von Stradonitz, den „Socialwissenschaftlichen Studentenverein“ verboten. Abraham schreibt:
„Der Berliner ‚Socialwissenschaftliche Studentenverein‘ ist todt! ‚Todt wie ein Thürnager‘, würde Dickens sagen, ‚es ist kein Zweifel daran‘. Denn die Hand des allgewaltigen Herrn über Freiheit und Recht akademischer Bürger hat ihn getroffen. In Preußen hat … jeder Bürger das verbriefte Recht, in Wort und Schrift seine Meinung frei zu äußern. In demselben Lande existiert auch eine Phrase, die etwas erzählt von akademis