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»Verstehende Psychosomatik: Ein Stiefkind der Medizin«, so betitelten Clemens de Boor und Alexander Mitscherlich einen Vortrag aus dem Jahre 1972, der dann ein Jahr später unter demselben Titel in der Psyche erschien (de Boor und Mitscherlich, 1973). In einer kritischen Bestandsaufnahme und Analyse der komplizierten und gespannten Beziehungen zwischen naturwissenschaftlich-objektivierender Schulmedizin und verstehender Psychosomatik wiesen sie auf die intolerante und unwissende Haltung der klinischen Medizin hin, die sie mit einem Ein-Partei-System verglichen, das sich gegen jede eigenständige und abweichende Denkrichtung abweisend verhält.
»Es wäre nützlich zu untersuchen, welche Indoktrinationstechnik (Berufsausbildung genannt) die jungen Ärzte von Generation zu Generation blind für die Wahrnehmung der unbewußten seelischen Verfassung ihrer Patienten, unempfindlich für das Verständnis organischer Symptome auf der Ebene der Sinnzusammenhänge macht. Die Bekämpfung dieser schweren Berufsdeformation erscheint als eine Aufgabe, die kaum geringer ist als die Bekämpfung oft unerkannter psychosomatischer Leiden« (a. a. O., S. 18).
Als dann im selben Jahr mit der Einführung einer neuen medizinischen Approbationsordnung das Fach »Psychosomatik und Psychotherapie« fest in der ärztlichen Ausbildung etabliert wurde, galt dies ganz allgemein als ein großer Fortschritt bei dem Versuch, Erkenntnisse aus dem Bereich der Psychoanalyse und der Sozialwissenschaften in das bis dahin naturwissenschaftlich-monolithisch organisierte Gebäude der klinischen Medizin einzufügen.
Die Revolte der kritischen Studenten hatte reformerischen Kräften einen so starken Auftrieb gegeben, daß sie bis in das sonst hermetische Gebiet der Medizin vordringen konnten. Die Rolle psychischer Ursachen für körperliche Krankheitserscheinungen, Krankheitsbilder aus der psychoanalytischen Neurosenlehre und vor allem die Bedeutung der