You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Vor rund 30 Jahren ging der Ethnopsychoanalytiker Paul Parin in einer kritischen Glosse an die Beantwortung der Frage: »Warum die Psychoanalytiker so ungern zu brennenden Zeitproblemen Stellung nehmen« (Parin 1978). Diese Überschrift war bereits mehr als Feststellung denn als Frage formuliert. Denn ihr vorausgegangen war eine Redaktionssitzung unter Leitung des Gründers und damaligen Herausgebers der Psyche, Alexander Mitscherlich, der, selbst des Vorwurfs der politischen Abstinenz unverdächtig, »die Apathie der meisten Psychoanalytiker solchen Fragen gegenüber« beklagte. So nahm sich die Redaktionskonferenz der Psyche im Jahre 1977 vor, künftig häufiger psychoanalytische Kommentare zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen zu veröffentlichen. Allein, die Schwierigkeit bei der Umsetzung dieses Vorhabens war absehbar: Veröffentlichen kann eine Zeitschrift nur, wenn Manuskripte entsprechenden Inhalts eingehen. Der dem Herausgeber und der Redaktion bekannte Mangel an Arbeiten, die sich aktueller Zeitfragen aus psychoanalytischer Perspektive annehmen, sollte allerdings nicht nur einfach konstatiert, sondern selbst Gegenstand der Untersuchung werden — und zwar mit psychoanalytischen Mitteln. Daß wir von dieser Redaktionskonferenz wissen, ist der Umsetzung dieses Vorhabens durch Paul Parin zu verdanken, der den Bericht über diese Zusammenkunft seiner dann im Jahre 1978 veröffentlichten Untersuchung voranstellt.
Die Legitimation, diesen Mangel zu kritisieren, und gleichzeitig den Zugang zu seiner Abhandlung findet Parin beim Gründervater der Psychoanalyse: Mit Freud bestimmt Parin die Aufgabe der Psychoanalyse seit ihrer Begründung als eine doppelte: »das Seelenleben und das gesellschaftliche Leben zu erforschen« (S. 387). So könne und müsse »die Psychoanalyse zu brennenden Fragen des Tages mit einer wissenschaftlich fundierten Kulturkritik — erweitert zu einer Kritik gesellschaftlicher Erscheinungen — Stellung nehmen« (ebd.). Nicht nur beim Gründer, auch unter de