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Martin Dornes lässt sich auf eins der einflussreichsten Forschungsprogramme der Soziologie ein. Wie der Soziologe Emile Durkheim Ende des 19. Jahrhunderts, nach Wirtschaftskrisen und nach der Verurteilung von Alfred Dreyfus 1894, den Suicide (1973 [1897]) verfasste, so reagiert Dornes zeitnah auf die Finanz- und Wirtschaftskrise in westlichen Gesellschaften seit 2008. Er fragt mit einer Untersuchung Über psychische Störungen - dem Titel seines Aufsatzes folgend ein wenig schlicht - danach, ob der Kapitalismus samt seiner Krisen sich in einer Zunahme psychischer Erkrankungen ausgewirkt hat.1 Ich werde Einwände gegen Dornes' Vorgehensweise anmelden, die er mit verwunderlicher Heftigkeit gegen eine breit gefächerte Auswahl von Kapitalismuskritikern richtet, wobei er mit Schmähungen derer nicht spart, die behaupten würden, der Kapitalismus »mache« depressiv.
Dornes unterscheidet zwischen wirklich auftretenden und diagnostizierten psychischen Erkrankungen. Epidemiologische Studien ergeben für den Autor mit zweifelsfreier Eindeutigkeit: Die Zahl psychisch bedingter Erkrankungen ist während der letzten 30 Jahre weder generell noch bezüglich einzelner Krankheitsbilder wie der Depression gestiegen, sondern konstant geblieben. Wenn daher Kapitalismuskritiker behaupteten, Depressionen hätten zugenommen, dann ließen sie sich von Finessen des Diagnostizierens täuschen, um sich - so sieht's der Autor - ihr »Spielfeld weltanschaulicher Grabenkämpfe« (Dornes 2015, S. 131) zu erhalten. Dass gleichwohl Arbeitsunfähigkeit, Krankschreibungen sowie Früh- und Invaliditätsberentungen zugenommen hätten, führt der Autor auf gestiegene Sensibilität gegenüber Befindlichkeiten zurück. Der hierdurch bedingte Anstieg verlange daher nicht, von der These abzurücken, wonach die Rate psychischer Störungen konstant geblieben ist. Dass sie trotz enormer Fortschritte im Wirtschafts- und Sozialleben gleich geblieben